Gelesen: Luisa Francia, Der Rest Deines Lebens beginnt JETZT

Dieses Buch habe ich vor gut zwei Jahren gelesen und hole es immer noch gerne aus dem Regal, vor allem, wenn mal wieder ein Ritual zu gestalten ist und ich Inspiration suche.

“Der Rest Deines Lebens beginnt JETZT” ist eine Aufforderung, alles in Frage zu stellen, aus einer anderen Perspektive zu sehen und Skepsis in Freiheit zu wandeln, wie man sie von Luisa Francia schon gut kennt. Insofern also eigentlich nichts Neues; Francias Perspektive ist zudem die einer weißen, heterosexuellen deutschen Frau, die in den Siebzigern und Achtzigern die Frauenbewegung und die Bewegung der Neuen Hexen mitgeprägt und -getragen hat. Die Sicht z.B. von Lesben, von anderen Generationen und anderen Lebensentwürfen kommt nicht vor und für mich erfordert das immer wieder Übersetzungsarbeit oder auch Distanz.
Dieser “Aufguß” glänzt allerdings dadurch, daß immer wieder ihre Reiseerfahrungen einfließen, eine eurozentristische Sicht dadurch vermieden wird, daß immer wieder Erfahrungen aus Indien, Afrika, Tibet einfließen. Und wie üblich sucht mensch esoterisches Geseier vollkommen vergebens: pragmatisch und lustvoll geht es zu in der Magie, die Francia beschreibt, eine sinnliche, irdische Magie, die an nichts glauben muß und jeder strebsamen Logik der Höherentwicklung, Disziplin und Dominanz ein Schnippchen schlägt.

Die “eigentlichen” Ritualanleitungen (denn uneigentlich gehören die Kapitel, die ihnen vorangehen, dazu) sind sehr kurz, selten länger als eine Seite. Doch im Unterschied zu den Tanzritualen in “Mond Tanz Magie” ist gerade das ihre Stärke, sie sind weniger komplex, fordern weniger eine Gruppe, die längerfristig gemeinsam arbeitet, sind – obwohl dann und wann einmal Helferwesen gerufen werden – hochgradig skeptikertauglich. Zugleich (so ist meine Einschätzung) können sie durchaus abendfüllend sein. Einige Rituale sind für Gruppen entworfen, andere sollen ausdrücklich allein durchgeführt werden.
Obwohl Francias Perspektive radikal gynozentrisch ist, sind die Rituale auch für Männer geeignet. Wer ausführliche “Ritualrezepte” oder das nächste Handwerksbuch für Junghexen sucht, ist mit diesem Buch falsch, wer jedoch bereit ist, sich auf ihr Durcheinanderschütteln der üblichen Phrasen und eine Magie einzulassen, die in dem steckt, wie wir die Welt tagtäglich sehen, der ist mit diesem Buch gut bedient.

Bibliographie aktualisiert

Mir sind da noch ein paar Bücher genannt worden, die auf die Bibliographie zum Thema queer & Heidentum gehören – ich habe sie etwas ergänzt. (Und einige gehören vielleicht runtergeschmissen, aber das tu ich ein andermal.)

Vorläufige Bibliographie

Ich habe mir mal die Mühe gemacht, eine vorläufige, unsortierte und noch keineswegs vollständige Bibliographie zum Thema queer und Spiritualität zu machen. Sie ist nicht ausschließlich heidnisch, hat aber einen heidnischen Fokus, einige Bücher stehen auch noch auf meiner Leseliste. Aus Platz – und technischen Nervgründen steht sie auf einer eigenen Seite.

Bei Interesse stelle ich sie gerne auch als BibTeX/RIS-File zur Verfügung, bitte einfach per Mail (oder auf sonstigen bekannten Kontaktwegen) bescheidsagen.

Wer mir zu dem einen oder anderen noch nicht gelesenen Buch was sagen möchte oder einen heißen Tip hat, der noch nicht auf dieser Liste steht, kann hier gerne einen Kommentar hinterlassen.

Neues Design!

Ich habe heute einen wüsten Designanfall erlitten und mich tatsächlich an den ersten Mod eines WP-Designs gemacht, das Resultat seht Ihr auf dieser Seite (wenn Ihr sie im Web anschaut, nicht über den RSS-Reader). Mal sehen, was ich in den nächsten Wochen noch an Kinderkrankheiten finde.
Ein Blog hat diese Seite jetzt auch, wo ich ein bißchen was über mein persönliches Leben schreibe. Ein bißchen dient das auch dazu, Textpattern auszuprobieren, was ich schon lange vor hatte. Irgendwann gibt’s vielleicht auch mal ein nahtlosere Integration von Blog und hp, mal sehen…

Die Riesen und ich, oder wie diese Seite zu ihrem Namen kam

Als ich gerade eingeschult war, wurde meine Mutter einmal zum Schuldirektor bestellt, der ihr dann in einem nahezu hysterischen Ton mitteilte: “Das Kind paßt sich nicht an!” Meine Mutter erzählte mir das mit einer gewissen Häme. Auch wenn ich nicht glaube und nie geglaubt habe, daß Anpassung etwas Erstrebenswertes ist, ist etwas Wahres daran. Ich war tatsächlich in meinem Leben oft eine Außenseiterin, habe mich gehaßt, seltsam, unverstanden und ausgeschlossen gefühlt. Fremdheit versus Zuhause-Sein: ein Lebensthema für mich.

Was hat das mit Riesen zu tun? Eine ganze Menge.

Die Riesen: das sind die ungezähmten und unbezähmbaren Kräfte der Wildnis. Riesenhafte Mächte sind nicht nur in der nordischen, sondern auch in der indischen und der griechischen Mythologie so etwas wie ein älteres Göttergeschlecht. Gerade in der nordischen Mythologie sind die Beziehungen zwischen Riesen, Asen und Wanen kein Schwarz-Weiß-Bild, sondern sehr komplexer Natur. Ein Aufsatz von Diana Paxson machte mich darauf aufmerksam, daß es bis in die Wikingerzeit hinein wahrscheinlich auch kultische Verehrung von Riesen gegeben hat1 und brachte mich dazu, über diese Wesen, die im allgemeinen als Bedrohung der Ordnung, als unkontrollierbare, unzivilisierte und chaotische Mächte gesehen werden, neu nachzudenken.

Ich habe vom Herbst 2006 bis Sommer 2007 eine Phase heftigster Gefühle von Entfremdung, Seltsamkeit, Abwegig-Sein durchgemacht. Gefühle, die sich sehr intensiv um meine Spiritualität und ein Nicht-Zuhause-Sein in der Form von Frauen- und Göttinnenspiritualität, mit der ich mich bisher identifiziert hatte, drehten, aber auch mit meiner Sexualität zu tun hatten – ich kämpfte sehr mit den Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, die vielen Wegen, diese Spiritualität zu leben, innewohnten. Für mich waren diese Wege nicht gangbar, und zugleich stellte ich meine Zweifel, meine Kämpfe und mein heftiges Unwohlsein infrage. Stellte ich mich nur an? War ich übersensibel? Übermäßig pc, was gender anging? Warum verfing ich mich immer wieder in diesen aufreibenden Diskussionen um männlich und weiblich, maskulin und feminin und meine Unfähigkeit, mit diesen Begriffen zu leben, sie zu akzeptieren und zu gebrauchen, wie es anscheinend jeder andere tat? (Und diese Worte durchzogen mein ganzes Leben – bis in so alltägliche Verrichtungen hinein wie die Bedienung einer Bohrmaschine.) Warum hatte ich das Gefühl, daß weder die übliche “Frauenspiritualität” noch das Mainstream-Heidentum queeren Leuten gerecht wurde?

Und da kamen die Riesen ins Spiel. In meiner notorischen Nicht-Angepaßtheit, mit meinem Infragestellen von Begriffskonstrukten, die anscheinend jeder mit größter Selbstverständlichkeit verwendete, ja sie für die Wahrheit selbst hielt, in meinem Bedürfnis, blöde alte Stereotypen aufzulösen und dem heteronormativen Konsens subversiv zu Leibe zu rücken, fühlte – und fühle ich mich noch – den Riesen der nordischen Mythologie verwandt.
In dem Moment, als ich das Fremdsein, ja sogar das Gefühl des Nicht-ganz-menschlich-Seins erst einmal für mich akzeptiert hatte, entdeckte ich, daß darin Kraft steckt. Die sich übrigens wenige Tage, nachdem ich sie rituell akzeptiert hatte, in einer (bisher nicht wieder erreichten) Bestzeit auf 1000 Meter Schwimmen manifestierte.

Es waren letzten Endes genau die wilden Kräfte, ein See, ein Wald, eine Horde Wildsauen, die mir im Sommer 2007 bei einem útiseta das Gefühl, menschlich zu sein (und zwar, nach dem Status als Wesen, das die Erde bewohnt, zuerst einmal menschlich und dann alles andere), wiedergegeben haben. Trotzdem bin ich auch nach wie vor eine Riesenhafte.

Ich lebe also zwischen den Welten – eine Grenzgängerin, die auf Diplomatie angewiesen ist. Ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen. Und doch waren und sind in vielen Kulturen Homosexuelle und “gender variants” diejenigen, deren besondere Gabe diese Art des Weltenwanderns ist: die Vermittlung zwischen der alltäglichen Welt und den “nichtalltäglichen Wirklichkeiten”.2 Ich mag es nicht, auf eine “traditionelle Rolle”, sei die auch noch so ehrenvoll, festgeklopf zu werden. Doch hat mich diese Beobachtung ermutigt, mir das Recht zu diesem Weltenwandern zu nehmen.

So also kam ich zu meinem magischen Namen – und diese Seite, als meine persönliche Texte-Grube, dann später, als ich die Domain registrierte, mit zu dem ihren.

  1. Diana Paxson: Utgard. The Role of the Jotnar in the Religion of the North, ursprünglich erschienen in: MOUNTAIN THUNDER 5, 1992
  2. Vgl. z.B. Jenny Blain: Nine Worlds of Seid Magic: Ecstasy and Neo-Shamanism in North-European Paganism, bes. das Kapitel zum Thema ergi.

Hans Stucken: Das Seidhr Handbuch. Eine Einführung

Hamburg: Daniel Junker Verlag, 2006; ISBN: 3938432047

Hans Stucken will mit seinem Seidhr Handbuch einen Beitrag zu einer “gemeinschaftlichen kulturellen Entwicklung” auf dem Gebiet des Seidhr leisten. (1) Er hat eine angenehm und flüssig lesbare Überblicksarbeit geschrieben und leistet dabei eine relativ systematische und konsistente Begriffsklärung, die sich über das nordische Modell der Seele und die Kosmologie der Neun Welten erstreckt. Positiv fällt mir auch der Mangel an Synkretismus auf, der fast schon Purismus zu nennen ist; die Leserin wird hier nicht mit der so oft anzutreffenden Kreuzung mit anderen spirituellen Systemen (z.B. der Kabbala) behelligt.

Das Buch bleibt kurz und knackig – für meinen Geschmack allerdings zu kurz. Continued reading >

Raven Kaldera: Hermaphrodeities. The transgender spirituality workbook

Philadelphia Pa.: Xlibris Corp., 2001; ISBN: 1401027199

“Hermaphrodeities” ist eins der ganz seltenen Bücher zum Thema “transgender und Spiritualität”. Über transgender, nicht schwullesbische Fragen; daß das zwei vollkommen verschiedene Paar Schuhe sind, stellt gleich das Vorwort klar. Es ist ein Buch vor allem für Menschen zwischen den Geschlechtern, aber auch wer sich eindeutig als männlich oder weiblich einordnet, kann daraus was mitnehmen.

Dieses Buch macht klar, daß es so viele Wege gibt, die althergebrachte männlich-weiblich-Dichotomie zu überschreiten, und so viele Arten, in denen sich Spiritualität, Geschlecht und Sexualität gegenseitig beeinflussen, daß es unmöglich ist, sie zu kategorisieren. Continued reading >

Christian de la Huerta: Coming Out Spiritually: The Next Step

Jeremy P. Tarcher, 1999, ISBN-10: 0874779669

Schwule, Lesben und Spiritualität? Lange war es undenkbar, das in einem Atemzug zu nennen. “Oh Gott, Religion! Teufelszeug, das uns Schwulen und Lesben immer Schuld und Ausgrenzung beschert.”, zitiert die Siegessäule noch im Dezember 2006 – allerdings nicht unwidersprochen – die gängige Meinung (”Ich glaube schon”, Siegessäule 12/2006, S. 13-21).

Christian de la Huerta befaßt sich unerschrocken trotzdem mit dem Thema. Er nimmt in der queer community einen Mangel wahr: “What is lacking in the queer community [...] is a real sense of self.” Dieser Mangel liegt für ihn im Verlust der Spiritualität begründet.

Angesichts der Verfolgung und Diskriminierung, die Schwule und Lesben durch etablierte Religionen erfahren haben und immer noch erfahren, sei Religion ein “turnoff” für viele. Continued reading >

Heidentum: Eine ganz persönliche Darstellung

Diesen Text habe ich vor etwa zwei Jahren geschrieben – er bedarf sicher inzwischen einiger Überarbeitungen, Aktualisierungen und Richtigstellungen. Aber ich stelle ihn mal, aus sozusagen dokumentarischen Gründen, hier herein.

“Satan! Satan!” haben mir schon oft Leute nachgerufen, wenn sie mich mit einem Pentagramm um den Hals gesehen haben. Die (sehr christlich geprägte) Freundin eines Freundes machte sich Sorgen, daß ich Geister beschwören könnte, als sie mich eines Tages Karten legen sah. Dabei tragen viele Gothics das Pentagramm gar nicht als religiöses Statement, und die Karten funktionieren ohne jeglichen transzendenten Bezug. Es scheint, als riefen Symbole mit einer auch nur entfernt magischen Aura in unserer ach so aufgeklärten Zeit immer noch – oder wieder – ein altes Unbehagen wach, und das um so mehr, als heutige Menschen den Umgang mit dem, was ihr Alltagsbewußtsein nicht erfassen kann, in keiner Form mehr gewöhnt sind. Continued reading >

Manifest für ein Netzwerk queerer Heiden und Hexen

Dieser Text entstand im Herbst 2007 als erklärender Text für das Regenbogenhain-Wiki. Ich hoffe, Ihr verzeiht mir meinen akademischen Ton, aber anders wollte das damals nicht auf den Datenträger fließen.

Religion scheint oft ein Hort von konservativen, queer-feindlichen Anschauungen zu sein, wenn man das öffentliche Bild betrachtet. Auch in der Szene der alternativen Spiritualität ist die Heteronorm – wenn auch scheinbar subtiler – omnipräsent, es herrschen oft vollkommen unreflektierte essentialistische Anschauungen über Geschlechter und Sexualitäten. D.h. es wird oft davon ausgegangen, daß es nur zwei vollkommen klar abgegrenzte Geschlechter gibt, daß Männer und Frauen von Natur aus verschieden und in einer Weise komplementär sind, die eine gleichgeschlechtliche Beziehung als etwas Defizitäres, ja Krankhaftes erscheinen läßt. Continued reading >