Heidentum: Eine ganz persönliche Darstellung

Diesen Text habe ich vor etwa zwei Jahren geschrieben – er bedarf sicher inzwischen einiger Überarbeitungen, Aktualisierungen und Richtigstellungen. Aber ich stelle ihn mal, aus sozusagen dokumentarischen Gründen, hier herein.

„Satan! Satan!“ haben mir schon oft Leute nachgerufen, wenn sie mich mit einem Pentagramm um den Hals gesehen haben. Die (sehr christlich geprägte) Freundin eines Freundes machte sich Sorgen, daß ich Geister beschwören könnte, als sie mich eines Tages Karten legen sah. Dabei tragen viele Gothics das Pentagramm gar nicht als religiöses Statement, und die Karten funktionieren ohne jeglichen transzendenten Bezug. Es scheint, als riefen Symbole mit einer auch nur entfernt magischen Aura in unserer ach so aufgeklärten Zeit immer noch – oder wieder – ein altes Unbehagen wach, und das um so mehr, als heutige Menschen den Umgang mit dem, was ihr Alltagsbewußtsein nicht erfassen kann, in keiner Form mehr gewöhnt sind.

Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, das von vielerlei religiösen Einflüssen geprägt war: Vorstellungen der amerikanischen Ureinwohner, Neue Hexen, Transzendentale Meditation, Hinduismus, Buddhismus, Neo-Sannyasins – das Christentum bekam ich lediglich über den Religionsunterricht mit, den ich als Schülerin an einem Mädchengymnasium in katholischer Trägerschaft besuchen mußte (was ich damals allerdings ganz interessant fand, denn wir hatten eine wirklich liebe Relilehrerin, die interessante Sachen mit uns durchnahm). Vor allem aber faszinierte mich schon damals die griechisch-römische Götterwelt, die ich im Lateinunterricht kennenlernte. Langer Rede kurzer Sinn: Irgendwie stand für mich nie in Frage, daß es so etwas wie eine „transzendente Welt“ gibt. Ich mag allerdings den Begriff „Transzendenz“ nicht sonderlich: er konnotiert für mich etwas von „Jenseits“, und gerade das Jenseits, der Himmel, die Erlösung außerhalb der Welt ist eine Vorstellung, die sich mit einer göttlichen Natur (zumindest für mich) nicht gut verträgt. Lieber ist mir daher der Begriff der „nichtalltäglichen Wirklichkeit“, der aus dem Neo-Schamanismus kommt. Wobei, was wäre, wenn es selbstverständlicher Bestandteil unserer Realität würde, den Weltenbaum herauf und herunter zu reisen oder unseren Hausgeistern eine Ziggi und einen Kurzen zu spendieren – wie „nichtalltäglich“ wäre diese Realität dann noch?

Heiden – ein schillernder Begriff

„Paganus“, „Heide“, war in der römischen Spätantike die Bezeichnung für einen Nichtchristen, der nicht Jude war. Der Begriff hatte anfangs nur eine Konnotation von Ländlichkeit, später wurde ihm – teilweise bis heute – eine abwertende Färbung beigelegt. Als Heiden bezeichen sich heute auch manchmal AtheistInnen ohne Kirchenzugehörigkeit. Diese Verwendung des Begriffs bezieht sich dann nur auf den Aspekt, keiner etablierten Religionsgemeinschaft anzugehören – etwas, das sie auf alle Fälle mit vielen religiösen Heiden gemeinsam haben. Moderne Heiden sind aber nicht nur durch das zu beschreiben, woran sie nicht glauben. Obwohl das heidnische Feld ein großes, heterogenes ist, in dem sich zahllose Gruppen, Grüppchen und Einzelpersonen tummeln, läßt sich doch einiges darüber genau sagen.

Naturreligion

Modernes Heidentum ist eine Naturreligion: Die Natur ist das Göttliche, das Göttliche ist in der Natur zu finden. Das Göttliche ist in dieser Welt. Es gibt keinen Gegensatz zwischen Göttern und der Welt; das Heil ist nicht jenseits dieser Welt zu finden, sondern genau in ihr. Darum wird das moderne Heidentum von manchen Religionswissenschaftlern als „Diesseitsreligion“ beschrieben. Ein Begriff, der für meine Ohren einen etwas pejorativen Beiklang hat: Da klingt das abwertende Diktum von der „Spaßgesellschaft“ mit, da assoziiere ich Materialismus und Egotrips. Und tatsächlich: der Körper, Sinnlichkeit, Lebensfreude und Lust (ob am Sex, am Essen, an Musik oder auch mal an einem Gewitterregen) sind Heiden heilig. Den meisten (von den braunen Odinskatholiken mal zu schweigen, keine Ahnung, wie’s bei denen aussieht. Ich will’s gar nicht wissen). Das mag für strenge Christen ein Schlag ins Gesicht sein, ist doch vieles, was Heiden heilig ist, ihnen eine Sünde. Heiden sind aber mitnichten Satanisten, die das, was im Christentum aus dem Ritual und aus dem Bereich des Heiligen verdammt wurde, nur deswegen zelebrieren, weil es eben Christen als Sünde gilt. Natürlich gibt es eine Menge Heiden, die christlich erzogen worden sind und sich davon erst einmal freimachen müssen. Und Heiden verehren nicht nur die „lichten“ Aspekte der vielfältigen göttlichen Wesen. Was aber gut und was böse ist – wer bestimmt das letztendlich? Und wonach? Auch destruktive Mächte haben in der heidnischen Weltsicht ihre Notwendigkeit, ihren Platz und sogar ihre guten Seiten. Viele Heiden gehen auch davon aus, daß es Wesen gibt, die sich unserer alltägliche Wahrnehmung meistens entziehen, wie Geister oder Feen, und daß Menschen mit diesen Wesen zusammenleben, ja sogar kooperieren können – eine Auffassung, die quer zu modernem Rationalismus steht und doch irgendwie sein verdrängtes Anderes zu sein scheint.

Von Göttern und Menschen

Es gibt soviele Spielarten der heidnischen Religion, wie es Heiden gibt, könnte ich jetzt sagen. Heiden können pan(en)theististisch sein (es gibt eine universale göttliche Kraft, die in allem wirkt) oder polytheistisch (es gibt viele Götter) oder auch viele Schattierungen dazwischen einnehmen. Sie können Götter als Symbole begreifen oder als tatsächlich vorhandene Wesen. Zum weitgespannten heidnischen Feld gehören aber auch Leute, die sich mehr an schamanischen und animistischen Vorstellungen orientieren und für die Göttinnen und Götter weniger bedeuten. Heiden können sich auf die Mythologie einer bestimmten Kultur beschränken oder eklektisch arbeiten, das heißt, Wesenheiten aus verschiedensten Kulturen in ihre Praxis einbeziehen. Sie können vorgeben, traditionell zu arbeiten (was meines Erachtens problematisch ist, da wir nur in den Ausnahmefällen, in denen eine polytheistische oder animistische Tradition bis heute überlebt hat – was meist den einigen Zeitgenossen unangenehmen Nebeneffekt hat, daß man sie sich nicht einfach beliebig aneignen kann – wirklich Gesichertes über solche Traditionen wissen), oder sich ganz klar bewußt sein, daß ihre Religion eine Neuschöpfung ist.

Soviel als erste, wirre Gedanken zu dem Thema. To be continued…

Links zum Thema

Der Rabenclan

Nornirs Aett – „Asatrú zum Selberdenken“

Der Hain – ein kleines, nicht allzu oft upgedatetes Projekt, das aber interessante, kritische Texte zum Thema Heidentum bietet

eibensang.de – die HP von Duke Meyer, einem Menschen, der wunderbar poetische Interpretationen der germanischen Götter schreibt und herrlich bissige Texte über braune Zeitgenossen und andere Danebenheiten

2 Kommentare

  1. charlyP
    Geschrieben am 12. Oktober 2011 um 21:11 | Permalink

    Nach über 1000 Jahren kulturelle und religiöse Umerziehung ist es schwierig jemanden objektiv zu erklären, dass die so genannten Heiden von den Christen verfolgt und zum Christentum gezwungen wurden. Dabei bin ich persönlich davon überzeugt, das Christus schon extrem wichtig und richtig war und für viele auch immer noch ist. Die Frage ob Heidentum oder Christentum richtig oder falsch ist stellst sich nicht, denn hätten die Franken die Sachsen nicht zwangs- christianisiert hätten, wäre vielleicht die Geschichte von Christus und seine Worte freiwillig mit angenommen worden. Ich darf gar nicht darüber nachdenken, welch enorme Kultur daraus entstanden wäre. Der Bezug zur Natur und die Verbindung mit allen Elementen und Erden und dazu eine neue Erkenntnis. ZU allem Überfluss musste dieser schwachköpfige Type mit dem steifen linken Arm auch noch dummes Zeug unvollständig und falsch über Germanen verbreiten. Alleine die Bezeichnung Germane zu verwenden ist falsch, da sie von den Römern benutzt wurde um einen Namen für ein Volk mit dem selben überwiegend selben Glauben zu finden. Im Rückblick auf unsere Vorfahren kann ich gar nicht nachvollziehen, wo dieser Geisteskranke so einen Blödsinn her hatte??

    Ganz sicher ist, das die Zeit der Katholiken seit dem Frankenkönig Karl gezeigt hat, wie Religion missbraucht wird um Macht zu ergreifen, Menschen zu unterdrücken und auch zu missbrauchen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass die jemals in der Bibel gelesen haben, die sie selber für diese Religion angepasst haben. Kein „Heide“ würde so brutal mit Mitmenschen, Natur und anderen Umwelten umgehen. Es wird auch in der Geschichte meistens auf die Gewalt der „Germanen“ hingewiesen und nicht auf deren Frieden. Leider aber auch wird heute das „Heidentum“ Missbraucht, vor Chr. und auch bis 800 n. Chr. hat es keine Kartenspiele gegeben und das Wissen wurde auch nicht genutzt um Menschen zu besiegen und zu unterdrücken, sondern um eine Einheit mit den andern Naturelementen zu finden. Denn unsere Vorfahren waren sich noch bewusst, das es nicht „die Natur“ gab, da sie sich als ein Teil von ihr sahen.

  2. Geschrieben am 16. Oktober 2011 um 14:12 | Permalink

    Mich überrascht immer wieder, wie reflexhaft das ach so pöhse Christentum thematisiert wird, sobald ich über Heidentum rede.

    Haben wir das heute nötig? Sicher, heidnische Spiritualität ist „nonstandard“ und kann einer ähnliche Schwierigkeiten einbringen wie offen homosexuell oder polyamourös zu leben: nämlich in dem Moment, wo „gar nicht so gemeinte“ christliche Handlungen Bestandteil der bürgerlichen Kultur sind. Aber ist es wirklich nötig, ständig mit dem Finger auf „das Christentum“ zu zeigen? Würde es nicht von mehr Größe zeugen, einfach unser Ding zu machen? Ich kann dieses Sich-als-Opfer-Hinstellen, diese Larmoyanz nicht mehr hören.

    Wenn ich Kritik an den Handlungen und Lehren von Christen (nicht pauschal an „dem Christentum“) übe, dann tue ich das nicht als Heidin. Ich mache das als eine, die sich um Menschenrechte Gedanken macht. Meine Kritik trifft oft genug genauso eine Interpretation von Heidentum, die eine allzu dogmatische, romantisierte Vorstellung von „der Natur“ hat. Wenn ich an der unaufgedeckten Normativität christlicher Handlungen (wie oben angesprochen) Anstoß nehme, dann weiß ich mich damit in guter atheistischer Gesellschaft und es geht mir nicht nur um meine Freiheit von anderer Leute Religion, sondern genauso sehr um die anderer Menschen.

    Was jetzt die Christianisierung angeht – ich glaube nicht, daß das so einfach auf die Gleichung „Feuer und Schwert“ zu bringen ist. Und „Umerziehung“ würde ja voraussetzen, daß es vorher eine „eigentlichere“ Kultur gegeben hätte – etwas, das ich bezweifle. Kulturen verändern sich nun mal und sind keine Naturgewächse.

    Ich verstehe auch nicht, worauf Du mit dem Kartenspiel hinaus willst. Und überhaupt: Du romantisierst IMHO die Germanen ganz kräftig, und das kann ich nicht ab.

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