Die Riesen und ich, oder wie diese Seite zu ihrem Namen kam

Als ich gerade eingeschult war, wurde meine Mutter einmal zum Schuldirektor bestellt, der ihr dann in einem nahezu hysterischen Ton mitteilte: „Das Kind paßt sich nicht an!“ Meine Mutter erzählte mir das mit einer gewissen Häme. Auch wenn ich nicht glaube und nie geglaubt habe, daß Anpassung etwas Erstrebenswertes ist, ist etwas Wahres daran. Ich war tatsächlich in meinem Leben oft eine Außenseiterin, habe mich gehaßt, seltsam, unverstanden und ausgeschlossen gefühlt. Fremdheit versus Zuhause-Sein: ein Lebensthema für mich.

Was hat das mit Riesen zu tun? Eine ganze Menge.

Die Riesen: das sind die ungezähmten und unbezähmbaren Kräfte der Wildnis. Riesenhafte Mächte sind nicht nur in der nordischen, sondern auch in der indischen und der griechischen Mythologie so etwas wie ein älteres Göttergeschlecht. Gerade in der nordischen Mythologie sind die Beziehungen zwischen Riesen, Asen und Wanen kein Schwarz-Weiß-Bild, sondern sehr komplexer Natur. Ein Aufsatz von Diana Paxson machte mich darauf aufmerksam, daß es bis in die Wikingerzeit hinein wahrscheinlich auch kultische Verehrung von Riesen gegeben hat1 und brachte mich dazu, über diese Wesen, die im allgemeinen als Bedrohung der Ordnung, als unkontrollierbare, unzivilisierte und chaotische Mächte gesehen werden, neu nachzudenken.

Ich habe vom Herbst 2006 bis Sommer 2007 eine Phase heftigster Gefühle von Entfremdung, Seltsamkeit, Abwegig-Sein durchgemacht. Gefühle, die sich sehr intensiv um meine Spiritualität und ein Nicht-Zuhause-Sein in der Form von Frauen- und Göttinnenspiritualität, mit der ich mich bisher identifiziert hatte, drehten, aber auch mit meiner Sexualität zu tun hatten – ich kämpfte sehr mit den Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, die vielen Wegen, diese Spiritualität zu leben, innewohnten. Für mich waren diese Wege nicht gangbar, und zugleich stellte ich meine Zweifel, meine Kämpfe und mein heftiges Unwohlsein infrage. Stellte ich mich nur an? War ich übersensibel? Übermäßig pc, was gender anging? Warum verfing ich mich immer wieder in diesen aufreibenden Diskussionen um männlich und weiblich, maskulin und feminin und meine Unfähigkeit, mit diesen Begriffen zu leben, sie zu akzeptieren und zu gebrauchen, wie es anscheinend jeder andere tat? (Und diese Worte durchzogen mein ganzes Leben – bis in so alltägliche Verrichtungen hinein wie die Bedienung einer Bohrmaschine.) Warum hatte ich das Gefühl, daß weder die übliche „Frauenspiritualität“ noch das Mainstream-Heidentum queeren Leuten gerecht wurde?

Und da kamen die Riesen ins Spiel. In meiner notorischen Nicht-Angepaßtheit, mit meinem Infragestellen von Begriffskonstrukten, die anscheinend jeder mit größter Selbstverständlichkeit verwendete, ja sie für die Wahrheit selbst hielt, in meinem Bedürfnis, blöde alte Stereotypen aufzulösen und dem heteronormativen Konsens subversiv zu Leibe zu rücken, fühlte – und fühle ich mich noch – den Riesen der nordischen Mythologie verwandt. In dem Moment, als ich das Fremdsein, ja sogar das Gefühl des Nicht-ganz-menschlich-Seins erst einmal für mich akzeptiert hatte, entdeckte ich, daß darin Kraft steckt. Die sich übrigens wenige Tage, nachdem ich sie rituell akzeptiert hatte, in einer (bisher nicht wieder erreichten) Bestzeit auf 1000 Meter Schwimmen manifestierte.

Es waren letzten Endes genau die wilden Kräfte, ein See, ein Wald, eine Horde Wildsauen, die mir im Sommer 2007 bei einem útiseta das Gefühl, menschlich zu sein (und zwar, nach dem Status als Wesen, das die Erde bewohnt, zuerst einmal menschlich und dann alles andere), wiedergegeben haben. Trotzdem bin ich auch nach wie vor eine Riesenhafte.

Ich lebe also zwischen den Welten – eine Grenzgängerin, die auf Diplomatie angewiesen ist. Ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen. Und doch waren und sind in vielen Kulturen Homosexuelle und „gender variants“ diejenigen, deren besondere Gabe diese Art des Weltenwanderns ist: die Vermittlung zwischen der alltäglichen Welt und den „nichtalltäglichen Wirklichkeiten“.2 Ich mag es nicht, auf eine „traditionelle Rolle“, sei die auch noch so ehrenvoll, festgeklopf zu werden. Doch hat mich diese Beobachtung ermutigt, mir das Recht zu diesem Weltenwandern zu nehmen.

So also kam ich zu meinem magischen Namen – und diese Seite, als meine persönliche Texte-Grube, dann später, als ich die Domain registrierte, mit zu dem ihren.

  1. Diana Paxson: Utgard. The Role of the Jotnar in the Religion of the North, ursprünglich erschienen in: MOUNTAIN THUNDER 5, 1992
  2. Vgl. z.B. Jenny Blain: Nine Worlds of Seid Magic: Ecstasy and Neo-Shamanism in North-European Paganism, bes. das Kapitel zum Thema ergi.

5 Kommentare

  1. Geschrieben am 16. Februar 2009 um 13:08 | Permalink

    Huhu du Liebe! Ich freue mich jedesmal so sehr an dieser Seite, wenn ich herkomme.

    „..eine Grenzgängerin, die auf Diplomatie angewiesen ist…“ finde ich sehr schön ausgedrückt und beschreibt grade total mein Gefühl zu den Welten, die ich so durchwandel. Arbeitswelt,Designerei, Spiriwelt, Freundeswelt, Liebeswelt. Manchmal hat man das Glück, dass sich die Welten ein Stück überlagern und dann ist da ein liebevolles Verstehen möglich. Leider passiert sowas nicht allzu oft.

    Ich drück dich!

  2. Geschrieben am 7. März 2009 um 02:41 | Permalink

    Juhu, ich habe einen Kommentar auf dieser Seite 🙂

    Im Ernst: es freut mich, daß es nicht nur mir allein so geht – obwohl ich denke, daß das Phänomen „Wandern zwischen verschiedenen Lebenskontexten“ weiter verbreitet ist, als Du denken magst. Selten treten Widerspruch und Zerrissenheit so zutage, ist mein Eindruck, wie beim Phänomen „queer und …“ (beliebige sonstige Identität einsetzen). Ich ertappe mich mittlerweile doch oft bei dem Wunsch, die Leute mit meinen restlichen Lebenswelten einfach zu konfrontieren. Das setze ich, je nachdem, worum es gerade geht, unterschiedlich intensiv in die Tat um (z.B. im Kontext meiner Lohnarbeit erwähne ich meine Spiriwelt tunlichst nicht). Und die Reaktionen sind meistens gar nicht so ablehnend wie erwartet.

  3. irka
    Geschrieben am 3. Februar 2010 um 16:30 | Permalink

    spannend! in einem gespräch um identität (frauen der unterschiedlichsten lebenswelten) rutschte mir raus: ich hab keine schublade, ich bin der schrank! fühle mich grad auch nicht so vereinbar mit all den welten, in denen ich mich bewege. ich liebe schnabeltiere…

  4. Geschrieben am 15. August 2012 um 03:19 | Permalink

    „Nicht-Zuhause-sein“ und „nicht ganz menschlich sein“. Ich mag diese Worte, die nicht klar definieren, wo und wer wir sind. Sondern einfach nur, wo wir nicht sind und wer wir nicht (ganz)sind. Die eine Tür öffnen in eine andere Welt, die noch nicht festgesetzt, noch nicht fertig definiert ist. Utopie, das ist der „Nicht-Ort“ und dass diese (noch)frei von Definitionen und Festlegungen bleibt, macht ihn für mich persönlich zu einem Gedanken, der mich leichter atmen lässt. Der Nicht-Ort ist der, dem ich mich zugehörig fühle – nichts auf der Welt gibt mir die Gewissheit, zuhause zu sein.

  5. Andrasta
    Geschrieben am 17. Februar 2013 um 15:04 | Permalink

    Thursa, wie in der Aett angekündigt, bin ich nun zu Besuch hier bei Dir. Oh ja, was Du schreibst, spricht mich in vieler Hinsicht an und kommt mir sehr bekannt vor.

    Wachse, Riesin, wachse, bis Du so groß bist, dass alle Gegensätze der Welt in Dir ihren Platz finden! 🙂

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