Arun-Verlag, revisited, oder: Warum ich Jenny Blains „seidhr“ nicht rezensiere

Eigentlich wollte ich dieses Buch empfehlen, ganz ausdrücklich das englische Original: das aus einem bestimmten Grund, um den es gleich geht. Dann fiel mir ein: Viele werden die deutsche Übersetzung haben wollen. Und bei einem Verlag landen, der mich ärgert. Was nicht an der Qualität der Arbeit liegt, im Gegenteil: Arun, bei denen Blains Buch erschienen ist, macht eigentlich gute Verlagsarbeit und nimmt sich einiger Themen an, die man sonst auf dem deutschen Buchmarkt schwer findet. Was mich an Arun ärgert, ist der politische Beigeschmack, der da nicht weggehen will. Früher einmal war das Verlagsprogramm recht eindeutig zweigleisig: rechtslastige Publikationen neben schön aufgemachten Büchern zu Schamanismus und Naturreligion, dazwischen einige subtil angebräunte Sachen wie „Geweihte Nächte“. (Hier eine Rezension von Matthias Wenger.) Die eindeutig rechten Schriften sind mittlerweile aus dem Programm verschwunden, und Ulbrich stellt sich gern als geläutert hin. Dabei scheint mir, daß seine Bücher auch nach der Säuberung des Verlagsprogramms von offensichtlich faschistischen Denkern nach wie vor von biologistischem und (kultur)rassistischem Gedankengut beladen sind.

Lese ich nämlich die Ankündigungen wie folgende:

Angefangen bei der Familiengründung über das Bekenntnis des Mannes zu Frau und Kind, bürsten die Autoren kräftig gegen den Zeitgeist der schlappen verantwortungslosen Männer, der alleinerziehenden Mütter und der verlorenen Kinder, eben der „vaterlosen Gesellschaft“, wie der Spiegel es einmal provokativ titelte. „Dein Name sei …“ ist ein ebenso unkonventionelles wie unzeitgemäßes Plädoyer für kinderreiche Familien als Grundlage starker Clans und Gemeinschaften sowie für Charakterbildung, menschliches Wachstum und Spiritualität. [Quelle]
  • dann habe ich einen Verdacht: Ohne braune Kennwörter zu nennen, werden hier etwa vorhandene reaktionäre Impulse bedient, werden geschickt Negativ-Schlagworte eingesetzt, „unzeitgemäß“ und „unkonventionell“ habe ich mittlerweile als Worte kennengelernt, mit denen sich Neurechte gern schmücken. Will sagen: da lese ich heterosexistischen Antimodernismus der schlimmsten Sorte. Amazon-Rezensionen anderer Bücher aus seiner Feder (etwa diese und diese) legen nahe, daß es sich nicht um einen Einzelfall handelt, der nur dieses Werk betrifft.

Wenn Ulbrich jetzt irgendein relativ unbedeutender Autor unter vielen anderen eines Verlages wäre, würde mich die Situation nicht so kratzen – ich könnte einfach seine Werke umgehen. Aber: Ihm gehört der Laden. Und er kolonisiert die deutschsprachige heidnische Literatur bis zum Gehtnichtmehr. Es scheint mir daher an der Zeit, daß mensch Ulbrich und Arun noch einmal genau unter die Lupe nimmt. Was zu tun ich mir hiermit vornehme – nach meinem Buchprojekt. Oder wißt Ihr von jemandem, der es in den letzten drei, vier Jahren schon getan hat?

Disclosure: Ich besitze drei Bücher aus dem Hause Arun. Alle: entweder geschenkt, ertauscht oder (in einem Fall) billig einer Freundin abgekauft. Ob ich irgendwann mal eine Ausnahme mache und von denen regulär ein Buch kaufen werde? Ich halte es für sehr unwahrscheinlich. The nine worlds of seid magic werde ich mir eines Tages vielleicht kaufen. Im englischen Original, das bei Routledge erschienen ist – ich denke, das ist ein Verlag, dem man schon eher trauen kann. Auf deutsch hatte ich es aus der Bibliothek geliehen. (Im Berliner Bibliotheksverbund gibt es recht viel aus deren Verlagsprogramm zu leihen – was einerseits viele Leute kostengünstig bis -neutral an Bücher wie „Geweihte Nächte“ kommen läßt, andererseits mir auch ermöglicht, meine Recherchen über diesen Verlag zu betreiben, ohne daß er an mir verdienen muß.)

In der Zwischenzeit wünsche ich mir, andere Verlage würden es wagen, die Themen Schamanismus, europäische Spiritualität und germanische Kultur beherzt anzugehen. Ohne Weichspülerei, ohne Verschämtheiten hinsichtlich des Germanischen, aber auch ohne Glorifizierung der Vergangenheit, ohne romantisiertes Naturbild, reaktionäre Bildlichkeiten und ohne Biologismus. Dafür mit einer um Akkuratheit bemühten Rezeption von Archäologie, Geschichte und Sprachwissenschaft. Denn als ich letztens in der esoterischen Buchhandlung meines Vertrauens war, fand ich wenig zu Naturreligion und Schamanismus und davon nur weniges, das nicht aus dem besagten Verlag kam. Kurz: Ich wünschte, jemand würde Arun Konkurrenz machen. Und das kann ich momentan nicht – ich bin keine Verlagskauffrau.

4 Kommentare

  1. Geschrieben am 23. Februar 2010 um 10:18 | Permalink

    Diesen Beigeschmack kenne ich auch schon lange und er schmeckt mir ebenso wenig. Ich meke aber, dass immer weniger bei ihm verlegen und wundere mich, dass es angebliche Größen der Paganbewegung des alten Pfades immer noch tun. Nunja …

    herzliche Grüße silvia

  2. Geschrieben am 23. Februar 2010 um 12:38 | Permalink

    Ach, das wundert mich nicht – laß Dir mal diese Vorstellung vom „Miteinander“ von einer dieser Größen auf der Zunge zergehen. Noch Fragen?

  3. Geschrieben am 23. Februar 2010 um 17:01 | Permalink

    mmmh, dass es in seinem verlag die Skadé-Bücher gibt, nervt schon ziemlich… ich denke manchmal, dass er den nötigen finanziellen hintergrund hat, bücher anzunehmen, die kein großes publikum bedienen und von daher ein risikogeschäft sein können – aber das sind die wenigsten der bücher. bin auch am knurren

  4. Geschrieben am 4. März 2010 um 09:36 | Permalink

    Das Problem mit den ausländischen Autoren ist m. E., daß die gar nicht wissen, wo sie da veröffentlichen. Das läuft ja alles über Agenturen, und aus deren Blickwinkel ist das einfach irgendein deutscher Verlag, die haben überhaupt nicht das Wissen oder auch das historische Bewußtsein, die mehr oder minder subtile Propaganda zu erkennen.

    Ich wünschte, der Tag hätte 48 Stunden und in der zweiten Hälfte wäre ich Verlagskauffrau! DAS wäre nämlich wirklich ein lohnendes Projekt…

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