Was mich LARPer letztens lehrten

Letztens stieß ich auf dieses geniale Video:

Auch wenn das recht eindeutig eine Parodie ist, es brachte mich zum Denken.

Was wäre denn, wenn mensch, statt die Sprache der Na’vi zu lernen (obwohl Sprache – schon in der Grammatik – Weltbild reflektiert) und sich blau anzumalen, versuchte, die Denkweise dahinter zu verstehen – und dieses Weltbild und die Mentalität mehr oder weniger versuchsweise, im Sinne dessen, was unter Chaosmagiern als paradigm piracy bekannt ist, zu adoptieren? Bei Avatar – eine Fiktion, die ziemlich eng in den Beschränkungen des Vorstellungsvermögens von Hollywoodfilmemachern bleibt – müßte das noch ziemlich leicht fallen. Welcher Geist steckt hinter „Ich sehe dich“ und „Ich fliege mit dir?“ Wie fühlt es sich an, mit Bäumen und Tieren eine empathische Verbindung einzugehen? (Wobei es in Avatar immer nur um Tiere geht, die Na’vi beistehen: nicht andersherum.) Wie würden wir leben mit der Gewißheit, daß die, die vor uns waren, nicht einfach „weg“ sind, daß wir noch immer mit ihnen kommunizieren können, daß sie im Bewußtsein des Großen Ganzen weiterleben – und wenn wir unser Ökosystem tatsächlich, ernsthaft und konsequent als beseeltes lebendes Wesen betrachten würden? Wie fühlt es sich an, einen Heimatbaum zu haben, der unersetzbar ist, nicht beliebig ausgetauscht werden kann?

LARP ist Theater, ist Spaß, ist Tun-als-Ob. Genau das macht für mich seinen Reiz aus. Im Spiel selbst, als Teilnehmer, ist kaum etwas lächerlich – weil es momentan, im Kontext des Spiels, eine Bedeutung gewinnt: wenn mich jemand mit einem Softball beschmeißt und „Feuerball“ ruft, ist das für Außenstehende lächerlich, für mich, wenn ich in der Rolle „drin“ bin, nicht – weil es in der Rolle Konsequenzen hat, die ich ausagiere, was mit einer gewissen Identifikation glaubwürdiger ist und auch einfach mehr Spaß macht. Wenn mich jemand in der U-Bahn mit einem Softball bewirft, dann halte ich ihn für gaga. LARP fokussiert sich auf das, was physisch dargestellt werden kann – die Geisteshaltungen dahinter interessieren die meisten wohl höchstens unter dem Gesichtspunkt der glaubwürdigen Darstellung. Meine Art von flexibler Gestaltung von Paradigmata geht, wie aus meinen Fragen von oben hervorgeht, „vom anderen Ende“ an die Sache heran. Zwar kann ich auch eine rituelle Form nehmen und probieren, ob sie für mich funktioniert; wichtiger ist aber das „Innenleben“: Mentalität und Weltbild. Und um wiederum an diese (und nicht die verzerrte Rückwärtsprojektion, die uns Nationalisten etwa von vorchristlichen eruopäischen Kulturen servieren wollen) zu kommen, ist es sehr hilfreich, sich nicht nur mit den für uns immer interpretationsbedürftigen Quellen, sondern auch mit der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion auseinanderzusetzen.

Paradigm Piracy, das bewußte “Adoptieren” von Weltbildern, zwischen denen ich je nach Kontext hin und her schalte oder die parallel existieren können, ist eine Sache, die ich selbst nicht willentlich praktiziere; aber sie schließt Ernsthaftigkeit und Verbindllichkeit nicht aus. Was sie aber per definitionem ausschließt, ist: Ausschließlichkeiten, Verbissenheit, Fundamentalismus, buchstäbliche Interpretation von „heiligen Schriften“, die “eine Wahrheit”. In diesem Sinne war sie etwas sehr wichtiges für mich und war die Bedingung, daß mein Polytheismus überhaupt anfangen konnte zu funktionieren. Daß meine Spiritualität heute so ticken kann, wie sie tickt, liegt an ein paar weiteren Grundsätzen:

  • Ob etwas „wahr“ und „beweisbar“ ist, zählt in gewissen Zusammenhängen nicht, sondern: ob es nützlich und poetisch ist, ob es mir in diesem Zusammenhang weiterhilft.
  • damit zusammenhängend: suspension of disbelief: wo ich mich auf ein alternatives Weltbild einlasse, stelle ich das in unserer Gesellschaft dominante Paradigma solange zurück, und das kann ich dank
  • klarer Grenzen zwischen den Realitäten. Deshalb ist es mir z.B. wichtig, daß Rituale einen klaren Anfang und ein klares Ende haben. Das kann durch so einfache Dinge hergestellt werden wie daß ich einmal um den Raum gehe und rassele. Und last not least:
  • weiß ich, wann welches Paradigma das angemessene ist.

„Aus einem Guß“ ist mein Weltbild schon lange nicht mehr, bzw. war es nie. Ich weiß, daß es lückenhaft, bisweilen in sich widersprüchlich ist. Das ist auch das sogenannte naturwissenschaftliche Weltbild, das ist wohl jedes Weltbild. Meine Weltbilder sind, so mein Gefühl, hinreichend tragfähig und erklären mir genug, daß ich mein Leben größtenteils sinnvoll deuten kann. Und das ist eine Stärke: denn mit einem widerspruchsfreien, lückenlosen Weltbild zu leben, hieße für mich in letzter Konsequenz, fundamentalistisch-rechthaberisch-lernunfähig bis paranoid zu sein und in einer Welt ohne Geheimnis, Träume und Poesie zu leben.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine Email-Adresse wird niemals weitergegeben. Notwendige Felder sind mit * markiert

*
*

Comments links could be nofollow free.

Canonical URL by SEO No Duplicate WordPress Plugin