Ins Unreine gedacht: Queers und spirituelle Rollen

Kennt Ihr das Phänomen des sogenannten „positiven Rassismus“? Das besagt, kurzgefaßt: man schreibt einer bestimmten Gruppe von Menschen, meistens ethnisch oder über die Hautfarbe definiert, pauschal eine bestimmte positive Eigenschaft oder Fähigkeit zu. Etwa wie „Schwarze sind die geborenen Entertainer“ oder „Schwarze haben so ein tolles Rhythmusgefühl“.

Naiv mag mensch sich jetzt fragen, was daran schlimm sein soll. Zwei Dinge: erstens baut es eine Erwartungshaltung auf – was etwa, wenn der Schwarze jetzt gar keine Lust hat, Entertainer zu sein, weil er etwa lieber in der „ernsten“ Kunst was erreichen will? Und zweitens legt er auf eine bestimmte Rolle fest und kann durchaus Türen verbauen.

Im amerikanischen Theater der Zwanziger bis Dreißiger war es etwa so, daß das Showbiz für Schwarze noch härter war als für Weiße – aber eine Ausbildung, so die gängige Meinung, brauchten schwarze Künstler nicht: sie waren ja talentiert. Und sie blieben aufs Showbiz beschränkt – gängiger Meinung nach das, wofür ihr „natürliches Talent“ sie prädestinierte. Meines Wissens dauerte es bis in die Fünfziger, bis z.B. schwarze Ballettänzer auf amerikanischen Bühnen auftraten.

Auch „positiver Rassismus“ ist Rassismus. Auch „positiver Rassismus“ schränkt ein, schubladisiert und weist Menschen Eigenschaften oder Fähigkeiten zu, die sie vielleicht nicht haben (wollen).

Was hat das mit der Überschrift zu tun? Es hat damit zu tun, daß ich gerade einige Bücher zum Thema „Lesben, Schwule und Spiritualität“ gelesen habe. Einige erwähnen, daß Menschen, die wir heute als homo- oder transsexuelle klassifizieren würden, in anderen oder vorchristlichen Gesellschaften bestimmte spirituelle Rollen übernommen hätten, etwa als Mittler zwischen den Welten, als Heiler und Schamanen. Einige (z.B. Urs Mattmann) schreiben LGBTQs besondere Begabungen und Talente zu, z.B. eine besondere Gastfreundlichkeit oder neue Wege der Fruchtbarkeit zu finden.

Ich persönlich habe einige Argumente dagegen, beziehungsweise ich meine: das mag zwar heilsam sein, wenn $mensch sich gerade aus Schuldgefühlen und Versuchen, sich zu verbiegen, befreit hat oder befreien muß, aber es trägt irgendwie auch Züge eines „positiven Heterozentrismus“ – und gerade Mattmanns „Begabungen“ sprechen für mich auch von einem nicht ganz überwundenen Minderwertigkeitsgefühl. (Ich mag ihm in einigen Punkten nicht ganz unrecht geben, meine aber, daß diese eventuell vorhandenen Begabungen nicht in irgendeiner „schwullesbischen Essenz“ begründet liegen, sondern daß diese Sensibilitäten und Fähigkeiten der gesellschaftlichen Situation von Homosexuellen entspringen – und just diese Situation diversifiziert sich ja gerade mehr und mehr.)

Ich denke auch: es ist nicht gerechtfertigt, im Fall des Blicks auf two spirit people oder antike gender variants anderen Kulturen in dieser Weise unsere Sichtweise überzustülpen.

Was meint ihr, Betroffene oder Nichtbetroffene?

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