Gelesen: Kimeron N. Hardin, The Gay & Lesbian Self Esteem Book

Selbstwertgefühl, könnte man meinen, ist eigentlich für fast jeden Menschen in unseren westlichen Kulturen ein Thema. Muß es da ein explizit schwullesbisches Buch zu diesem Thema geben? Kimeron N. Hardins Antwort in „The Gay and Lesbian Self-Esteem Book“ ist: Ja, denn die Selbstwertprobleme, mit denen sich Schwule und Lesben auseinandersetzen, sind oft durch spezifische gesellschaftliche Mechanismen bedingt. Darüber hinaus sei das Selbstwertgefühl von Schwulen und Lesben mehr als das von Heterosexuellen ständig unter Belagerung.

Ein gesundes Selbstwertgefühl kann, so Hardin, ganz wesentlich dazu beitragen, mit Beziehungen und Gefühlen konstruktiv umzugehen, das eigene Potential zu entfalten, selbstzerstörerisches Verhalten zu vermeiden, Belastungen auszuhalten sowie Entscheidungen zu treffen, die von realistischer Wahrnehmung, Selbstvertrauen und Autonomie statt vom Weg des geringsten Widerstandes, Ängsten oder verinnerlichten Zwängen geprägt sind. Es macht auch, so impliziert das Buch, resistenter gegen die spezifischen Belastungen, denen Lesben und Schwule in einer immer noch heterozentristischen 1 gesellschaftlichen Situation ausgesetzt sind. Diese Resistenz macht politische Aktion jedoch nicht unnötig, im Gegenteil: sie kann Ausdruck gesunden Selbstbewußtseins sein, ja sogar helfen, dieses erst herzustellen.

Hardins theoretische Basis ist die kognitive Verhaltenstherapie. Auf der Basis dieses Modells leitet sein Buch dazu an, wie man den eigenen destruktiven Selbstgesprächen, die eine gesunde Selbstliebe unterminieren, auf die Spur kommt, wie man prägende Einflüsse aufdecken und ihre Macht verringern kann, wie man das unbewußte Regelwerk, nach dem man sein Leben führt, Schritt für Schritt bewußt verändern kann. Aber auch Techniken, um lange unterdrückte Emotionen zu ihrem Recht kommen zu lassen, haben ihren Platz, ebenso wie Erläuterungen zu Systemen, die jeden Menschen in westlichen Gesellschaften irgendwann geprägt haben: Erziehung, Schule, peer groups, Medien und Politik. Ein eigenes, sehr differenziertes Kapitel ist Spiritualität und Religion gewidmet und ein letztes gibt denen, die an der Überwindung von Selbstwertproblemen mit der Hilfe eines/r TherapeutIn arbeiten wollen, Rat zur Suche nach geeigneten Profis.

Daß im Titel nur von „Gay & Lesbian“ die Rede ist, ist tatsächlich korrekt, denn Trans* und Bisexuelle werden nicht erwähnt – in ersterem Fall wird es sicherlich der Tatsache gerecht, daß die Selbstwertproblematiken von Trans* möglicherweise abermals anders gelagert sind; daß Bisexuelle außen vor bleiben, ist jedoch schade. Angenehm an Hardins Buch ist die Nachvollziehbarkeit der Erklärungen; man merkt, daß er auf dem Boden sowohl psychotherapeutischer Erfahrung als auch einer wissenschaftlichen Grundlage steht. Seine Sprache ist klar und alltagsnah und auch nicht-muttersprachlichen Leser_innen verständlich. Esoterische Wolkigkeit, Schuldzuweisungen oder Stereotypen fehlen wohltuend. Positiv aufgefallen ist mir auch, daß er eine Balance zwischen den positiven Seiten schwullesbischer Communities und der Kritik an ihnen wahrt; dies alles auf eine Weise, die sich auf die Evidenz aus zahlreichen Fallbeispielen stützt.

„The Gay & Lesbian Self Esteem Book“ ist ein Arbeitsbuch, für das mensch sich Zeit nehmen sollte. Um es wirklich zu nutzen, braucht es nicht nur Geduld, sondern auch die Bereitschaft, die vorgeschlagenen Reflexionen und Übungen regelmäßig zu machen.

Man merkt dem Buch an, daß die gesellschaftliche Situation in Amerika eine andere ist: Nicht nur die Empfehlungen zur Suche nach TherapeutInnen oder das Kapitel über Religion und Spiritualität unterscheiden sich sehr (und nicht unbedingt positiv) von den deutschen Verhältnissen. Würde dieses überaus hilfreiche Buch ins Deutsche übersetzt (was sehr zu wünschen wäre), wäre eine Anpassung der genannten Kapitel an hiesige Verhältnisse wünschenswert.

Für jeden, der den Mut, die Disziplin und die Ausdauer hat, an sich zu arbeiten, und wenig Mühe damit hat, auf Englisch zu lesen, bietet dieses Buch eine brauchbare und pragmatische Anleitung zur Selbsthilfe.

Hier die bibliographischen Daten noch einmal: Hardin, Kimeron N., The Gay and Lesbian Self-Esteem Book: A Guide to Loving Ourselves. New Harbinger Publications, 1999.

  1. Den Begriff „Heterozentrismus“ prägt Hardin für das Verhalten der Mehrheitsgesellschaft, die nicht-heterosexuelle Lebensweisen nach Kräften ignoriert und nicht wahrnehmen will.

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