Heidnische Praxis III: Distanzierungen vom Christentum

Die meisten, die sich heidnischer Spiritualität zuwenden, durchlaufen eine Phase der Distanzierung vom Christentum. Manchmal schlägt diese Distanzierung in Christenbashing um. Was verstehe ich darunter? Das englische Verb „to bash“ bedeutet soviel wie: jemanden hauen, schlechtmachen, aber auch: scharf kritisieren.1 In meinem Sprachgebrauch hat „etwas bashen“ etwa die Bedeutung „harte Kritik üben, verbal auf jemanden/etwas einschlagen, etwas unfair und pauschalisierend aburteilen“.

Nicht jede Kritik am Christentum, nicht jede Distanzierung ist gleich Christenbashing. Ich halte die Distanzierung vom Christentum für unausweichlich, wenn jemand, der sich einmal daran gebunden gefühlt hat, sich davon löst. Ich finde es auch legitim, wenn da Wut, Entrüstung, Empörung aufkommen – aber aus diesen Gefühlen heraus zu handeln und sich davon den Blick verstellen zu lassen, finde ich fragwürdig. Mehr noch: unreflektiert alte Stereotypen nachzubeten und zu pauschalisieren, finde ich daneben.

Meine persönliche Geschichte Meine eigene Beziehung zum Christentum ist eine recht ungewöhnliche. Ich frotzele manchmal, wenn es da diese Institutionen nicht gäbe und den Dogmatismus und den alten Mann in Rom, wäre ich wahrscheinlich aus kulturellen Gründen katholisch. Denn die sakrale Kunst des Christentums finde ich (in großen Teilen) wunderschön und Kirchenmusik habe ich natürlich als klassische Musikerin auch vielfach aufgeführt. Einige Jahre lang konnte ich das ordinarium missae auswendig, weil ich so viele Vertonungen davon gesungen hatte. Andererseits ist mein Latein eben auch zu gut, um nicht zu verstehen, was ich da singe, und Inhalte wie das katholische Credo mag ich heute einfach nicht mehr singen. Die Gottesdienste, die ich in diesem Kontext miterlebt habe, ökumenische wie katholische wie die wenigen evangelischen, dienen mir heute als Folie, wie Rituale nicht ablaufen sollten.

Ich habe einiges vom Christentum über die Musik mitbekommen: im Chor, im Musikunterricht in der Schule, als Musikhistorikerin, die um die prägende Rolle der Kirchen in großen Teilen der abendländischen Musikgeschichte einfach nicht herumkam. Ansonsten war meine spirituelle ‚Erziehung‘ jedoch eher alternativ: Meine Eltern sympathisierten schon in den 80ern mit Osho (damals noch Bhagwan Shree Rajneesh), meine Mutter unterstützte mein kindliches Interesse an den Indianern Nordamerikas, und Religionsunterricht hatte ich nur in der Grundschule und drei Jahre am Gymnasium (ich mußte an der Mädchenschule in katholischer Trägerschaft auch als Schülerin „o.B.“, ohne Bekenntnis, Religionsunterricht nehmen). Als Christin bin ich nie angesehen worden und habe mich selbst nie so verstanden. Ich hatte nie eine Bindung daran. Vielleicht mußte ich mich daher, als ich „out of the broom closet“ kam, auch nicht davon distanzieren.

„Sittenchristentum“ und „Christo-Normativität“ Allerdings kann ich nicht leugnen: Unsere Kultur ist vom Christentum zutiefst geprägt. Die Bahnen, in denen wir denken, das, was wir für anständig oder unanständig halten, unsere Neigung zum Entweder-Oder, das ständige Denken in Kategorien der Sündhaftigkeit oder Reinheit (das heute u.U., seiner religiösen Gestalt vollkommen entkleidet, unser Verhältnis zur Arbeit, zum Essen, zu Gesundheit, Körperlichkeit und Fitness mitprägt): all dies hätten wir nicht in dieser Gestalt ohne die christliche Geschichte Westeuropas. Es liegt mir fern, deswegen vom „christlichen Abendland“ zu reden: Diese Formel verleugnet in meinen Augen, daß uns die Wurzeln, aus denen unsere Kultur gewachsen ist, uns nicht auf ewig binden, daß wir frei sind, trotz dieser Ursprünge die Bahnen unseres Denkens und Handelns zu verändern; sie verleugnet außerdem, daß das Christentum, das unsere Kultur mitgeprägt hat, ein spezifisch europäisches ist; und sie leugnet außerdem, daß dieses Christentum nicht die einzige Wurzel ist, sondern eben auch die vorchristliche Antike sowie die Aufklärung ihre Spuren hinterlassen haben.

Ich weiß nicht, wer den Begriff des „Sittenchristlichen“ aufgebracht hat, aber dieser Absatz von Duke beschreibt das Phänomen in meinen Augen sehr gut:

Gegenwartsorientiert, wie wir uns aber benehmen, vergisst man […] allzu leicht, möcht´ ich nur sagen, dass über eineinhalb Jahrtausende christlicher Kirchendiktatur unsere Gefühle und unser aller Denke vorgeprägt haben. Auch uns Heiden. Und ich behaupte: gerade uns. Dies: tiefgreifender, als man gern zugestehen möchte. Mögen wir uns von den Werten des Christentums und seinen bekannten Strafmythologien (Sünde, Hölle, Schuld usw.) jeweils persönlich noch so weit entfernt und emanzipiert haben, fühlen oder auch nur dünken: Der allgemeine Begriffskanon rangiert immer noch über christliche Gleise – die ich hier und ab jetzt “sittenchristlich” nenne, da eben keineswegs nur Fans vom armen Lattengustl betreffend. Nahezu jeder kulturreligiöse (oder auch ganz “arschnormale”, aber in religiösem Kontext mit auftauchende) Begriff ist gemeint – und sittenchristlich “vorbesetzt”: Religion. Ritual. Natur! Materie. Gott. Geist. Spirituell. Priester. Predigen. Sakral. Geistlich. Segen. Unschuld. Weltlich. Jungfrau. Liebe. Heilig. Bekenntnis. Glauben. Noch unzählige andere – hier nur ein paar der gebräuchlichsten.2

Und ich komme auch nicht umhin, eine gewisse „Christo-Normativität“ zu bemerken. Die mag in Deutschland durch die DDR, wo Religion aus dem öffentlichen Leben zurückgedrängt wurde, ein wenig aufgeweicht sein, doch weite Teile der Öffentlichkeit denken bei „Religion“ (und, damit gerne verwechselt, „Spiritualität“) immer noch an kirchlich gebundenes Christentum (oder mittlerweile vielleicht auch an den Islam, besonders bei Leuten, denen ein „orientalischer“ Kulturhintergrund unterstellt wird) und setzen voraus, $mensch sei entweder christlich (vielleicht noch muslimisch) oder aber Atheist_in. Peter Sweasey bringt es auf den folgenden Punkt:

One similarity between sexuality and spirituality is that both are, for the conversative mainstream, taboo subjects (although religion without spirituality, and heterosexuality which keeps quiet about sex, are the backbone of the Establishment).3

Nun schreibt Sweasey aus einer englischen Perspektive, aus einer Gesellschaft, die wesentlich multireligiöser ist als die deutsche, und sein Buch erschien vor dem massiven Aufflammen antiislamischer Ressentiments, das ich nach 9/11 bemerkte. Die deutschen Verhältnisse waren und sind meiner Wahrnehmung nach deutlich „christozentrischer“. Um ein wenig auszubreiten, wohin das führen kann, ein Geschehnis aus meiner musikalischen Aktivität: Da probte mein Chor in einem brandenburgischen Dörfchen und der Pfarrer lud uns im Vorfeld ein, in seinem Gottesdienst zu singen. Einer aus dem Chor bat uns darum, dieser Gemeinde, die uns als Lesben und Schwule willkommen geheißen hätte, Dankbarkeit zu zeigen – schließlich bräuchten Lesben und Schwule Verbündete und diese individuelle Gemeinde sei doch nicht gleichzusetzen mit der mißlichen Behandlung von Schwulen und Lesben durch offizielle christliche Stellen. Ich antwortete auf diese Mail, daß eine aktive Teilnahme an einem christlichen Gottesdienst für mich undenkbar ist – nicht aus Gründen der Sexualität, sondern aus religiösen Gründen. Die heftige Diskussion, die ich befürchtet hatte, blieb jedoch aus. Kirchlich gebundenes Christentum, antireligiöser Atheismus und spirituelle Indifferenz bilden in Deutschland immer noch den Mainstream, die „Defaultzustände“ der Variable Religion. Wer sich außerhalb davon positioniert und das auch nach außen hin zeigt, macht es sich unter Umständen etwas unbequemer. Das ist jedoch noch lange kein Grund, auf irgendwen verbal einzuschlagen, sich als Opfer hinzustellen oder sich verfolgt zu fühlen.

Ich persönlich möchte mich mit emanzipativ denkenden und aktiven Christen verbünden – gegen die Ewiggestrigen und Fundamentalisten, ohne meine spezifisch (neu-)heidnische Denkweise und Praxis zur Disposition zu stellen. Gleichzeitig empfinde ich auch religionskritische Humanisten als Verbündete, wo sie Religion an sich bestehen lassen und nicht als aggressive „Kampfatheisten“ auftreten. Denn schließlich ist es ein Menschenrecht, zu wählen, ob und welche religiösen und spirituellen Praktiken und Überzeugungen $mensch pflegen will.

  1. nach dem Onlinewörterbuch dict.cc
  2. Müssen wir dran glauben?
  3. Sweasey, Peter: From Queer to Eternity: Spirituality in the Lives of Lesbian, Gay and Bisexual People. London and Washington : Cassell 1997, S. 23

Hinterlasse einen Kommentar

Deine Email-Adresse wird niemals weitergegeben. Notwendige Felder sind mit * markiert

*
*

Comments links could be nofollow free.

Canonical URL by SEO No Duplicate WordPress Plugin