Status-Update – Buchprojekt und anderweitig

Da schrieb der eibensang letzthin was, das mich bewegte, auf diese Art, die nur er fertigbringt:

„Wohin ich schau und maile: Einsamkeit und Angst zerfressen die Gemüter. Hinter den Fassaden: jederzeit der Abgrund. Selbst nicht unbetroffen von all dem Wahnsinn, maile ich Menschen Mut zu, die ich heimlich um ihre Fähigkeit beneide, wenigstens materiell durchzukommen (womit ich mich seit je schwertat).“

In meinem Fall möchte ich dazusetzen: Erschöpfung, das Gefühl, zwischen viel zu vielen Dingen aufgerieben zu werden.
Und ja, auch ich sitze in einem Zwiespalt fest: zwischen dem Bedürfnis, materielle Sicherheit zu haben (endlich einmal! nach langen, mühseligen Studienjahren, in denen ich ohne Netz und doppelten Boden gelebt habe) und einer tiefen Unzufriedenheit mit meiner derzeitigen – im erweiterten Sinne materiellen – Situation.

Ich hatte mal einen Traum. Ich habe daran geglaubt, so fest, wie nur ein Mensch glauben kann. Und dann wurde er mir weggenommen. Ist einfach zerbrochen. Mittlerweile versuche ich, die Scherben, die ich wiederfinden konnte, zusammenzukleben. Bin noch auf der Suche nach einem Kleber, der das Ganze stark und stabil genug zusammenhält, diesen Traum, der, den Fesseln der Notwendigkeit, damit mein Brot zu verdienen, enthoben, anfängt, sich auszudehnen, in immer mehr Farben zu schillern, sich zu bewegen und zu tanzen. Sein Name: Sängerin sein.
Manchmal zweifle ich an meinen Fähigkeiten, zweifle, ob ich je lerne, das, was mich bewegt, in Lieder zu formen, die auch andere sich gerne anhören – auf eine Art, mit der ich zufrieden sein kann. Und doch weiß ich: Musik machen, insbesondere Singen, macht mich glücklich. Auf eine urtümliche, physische Art. Das ist es, was ich als allererstes mit meinem Leben anfangen will. Das ist es, was mir die Großen geschenkt haben und das ist es, was ich der Welt geben kann.

Ich habe dagegen nicht darum gebeten, Aktivistin zu werden für eine Sache, die vielen so weit entlegen und abgefahren erscheint. Ich wurde es zuerst aus meinem eigenen Schmerz heraus, aus dem Versuch heraus, meine eigene Haut aus Widersprüchen und Klischees zu retten, die mir zusetzten. Ich wurde es, weil ich das Gefühl hatte, daß das wichtig und notwendig ist, vielleicht für eine rein numerisch kleine Gruppe, die aber deshalb eben nicht vernachlässigbar ist. Ich wurde es, weil es mir seltsam erschien, daß sich (anscheinend) niemand anderes an diesen Widersprüchen reibt. Aber ich bin offenbar dazu berufen, mich an solchen Widersprüchen zu reiben, schreibend, in Gesprächen mit anderen, im Versuch, Rituale auf die Beine zu stellen…
Schreiben, genauer gesagt: die geschrieben Analyse ist meine Waffe im Kampf gegen die allzu einfachen Gedankenkonstrukte, die Zeichen, Konventionen, Regeln werden, die Menschen einschränken und einander wie sich selbst Gewalt antun lassen: verbale, begriffliche, kulturelle, physische. In diesem Zusammenhang wurde ich unversehens Alliierte an vielerlei Schnittstellen. Schnittstellen zu Bewegungen und Kämpfen, bei denen ich immer wieder versucht bin, sie als dringlicher als meine eigene „Baustelle“ anzusehen. Da „bei meinen Leisten“ zu bleiben und mich nicht aufreiben zu lassen, erfordert Selbstbewußtsein.
Ich mache das mit Liebe und Herzblut, aber auch immer wieder mit Zweifeln, und wenn etwas dabei an mir zehrt, dann sind es das Gefühl von Isolation und der nagende Zweifel, ob das überhaupt irgendeine Sau kratzt.

In meinem Kopf und in meinen Notizen liegt so vieles, was ich einmal angehen wollen würde. Themen für Texte, die aber Zeit bräuchten, Zeit für tiefe Gedanken, Zeit, in der mein Verstand fit ist (was er nach einem Acht-Stunden-Arbeitstag nicht ist). Zeit zum Recherchieren und Muße zum ungestörten Denken und Schreiben.
„Hat nicht jemand mal ein Stipendium für ein Jahr Schreiben für mich?“, war ich in den letzten Monaten oft versucht zu flaxen. Ein Scherz, in dem ein Körnchen Wahrheit steckt.

Zur Zeit werde ich jedoch immer wieder daran erinnert, wer da die älteren Rechte hat. Wo meine Kraftquelle liegt. Die muß ich wieder und wieder pflegen – ganz abgesehen von den anderen, grundlegenderen Dingen, die Aufmerksamkeit und Zeit von mir wollen: etwa, daß ich mich genug bewege, hin und wieder auch mal einen Tag zum Nichtstun habe, oder dafür, Dinge ganz zu meinem eigenen Vergnügen zu tun.

Darum stecke ich auch mit meinem Buchprojekt in einer Zwickmühle. Ich weiß nicht genau, wie ich damit weitermachen soll. Daß ich es machen will, steht außer Frage. Daß es wichtig ist, mir und vielleicht auch für andere: das ist mir vor ein paar Wochen vor Augen geführt worden. Nur wie lange es brauchen wird, welche Gestalt es am Ende annimmt, wie ich es veröffentliche: das alles ist noch unklar.
Neben der Zeit- und Kraftsache stellen sich mir drei Probleme: Mir fehlt erstens das Gefühl dafür, ob überhaupt Interesse von anderer Seite als nur von meiner daran besteht; zweitens erscheint mir das Thema so vielgestaltig, daß es mir sehr schwer fällt, es zu strukturieren und abzugrenzen. Drittens ist die Versuchung auch groß, Dinge, die eigentlich dort hinein gehören würden, in Blogposts für dieses Blog zu packen: die Befriedigung stellt sich viel unmittelbarer ein (und die Unterscheidung, was denn nun dahin gehören würde und was in dieses Blog, ist nicht immer leicht zu treffen). Allerdings glaube ich, daß ich in einem Buch die Dinge besser in einem großen Zusammenhang darstellen kann, während ein Blog eher wie ein großer Zettelkasten ist: viele Einzelaspekte, aber in keiner Weise systematisiert. Beides richtig, beides gut, keins kann das andere ersetzen.

Gebt mir mal Feedback, wenn Euch dieses Projekt wichtig ist. Laßt mich mal wissen, was Euch bei diesem Projekt wichtig wäre. Ich mach das schließlich nicht nur zu meinem Vergnügen.

2 Kommentare

  1. Geschrieben am 11. Juni 2011 um 19:19 | Permalink

    Ich frage mich, ob im letzten Satz eine Betonung auf dem „nur“ liegt. Falls nicht, ich würde vorschlagen und gut finden, wenn du was du machst in erster Linie zu deinem Vergnügen machst.

  2. Geschrieben am 11. Juni 2011 um 20:14 | Permalink

    Hm, naja: Bei diesem Projekt würde mich schon sehr motivieren, wenn ich weiß, daß es noch jemand anderes für wichtig hält. Idealerweise von der „Zielgruppe“. Das ist mein Punkt dabei. Ein Buch, das niemand lesen will, muß ich auch nicht schreiben. Mein eigenes Vergnügen ist angesichts genau der Fragezeichen, die ich im Artikel beschrieben habe, eher überschaubar.

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