Wider den Geist der Alternativlosigkeit

Ich habe da einen Traum, der nicht weggehen will und dessen Gestalt ich doch nicht so recht fassen kann. Zum Teil, weil mich mein Alltagsleben so sehr in Anspruch nimmt; zum anderen, weil er den durch und durch von der Logik von Leistung, Geld und Arbeit geprägten Konsens in Frage stellt und weil ich mich zu dicht dran an dem fühle, was da nicht stimmt, als daß ich es in seiner Gesamtheit sehen kann. Ich kann immer nur einzelne Teile davon identifizieren.

Immerhin: Der eibensang bringt diese Saite immer wieder zum Schwingen. Die Singvøgel mit so einigen ihrer Songs auch. Und dann stolperte ich diesen Frühling über Ron Garans Blog. Der ungebrochene Glaube, daß wir die Welt besser machen können, der immer wieder aus seinen Vlogs und seinen Posts spricht, hat mich sehr berührt. Und dann noch die #occupy-Bewegung. Das alles hat mich erinnert, daß da noch Feuer unter der Asche ist. Daß es Alternativen geben muß, auch wenn wir sie nicht sehen, nicht sehen wollen, wenn das „so ist es aber nun mal“ so grell angestrahlt wird, daß die weniger grell beleuchteten Alternativen schwer zu sehen sind.

Denn sonst schwang mir in den letzten Jahren entgegen: Man kann doch am Kapitalismus nicht rütteln. Hat sich doch erwiesen, daß das nicht geht, mit dem Fall der Mauer… Als wären mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion alle Alternativen zum Kapitalismus diskreditiert.
Als das erste Mal ein milliardenschwerer Konzern mit Staatsknete vor der Pleite gerettet wurde, hatte ich das erste Mal das Gefühl, daß da was massiv nicht stimmt – da wurde mit „Arbeitsplätze!!!“ argumentiert, während meine Mutter und meine Großmutter ganz schön knapsen mußten, um in ihrem Kleinbetrieb eine Angestellte und eine Auszubildende zu bezahlen. Arbeit, egal welche, egal wie sinnlos und menschenunwürdig, ist ein Fetisch unserer Gesellschaft geworden (ich meine die deutsche, die ich kenne und bei der ich mir zutraue, sie zu beurteilen), ein Wert in sich selbst. Und der politisch-gesellschaftliche Diskurs scheint mir seit 9/11 hysterisch und „wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ geworden. Wer nimmt sich noch Zeit? Wer differenziert noch?

Kann ich nur gucken, daß ich selber irgendwie durchkomme? Bin ich nicht zu beschäftigt damit, im status quo klarzukommen, als daß ich mir Gedanken drum machen kann, wie es anders gehen sollte? Nein und Ja. Ja, weil oft tatsächlich der Alltag die Kraft auffrißt, etwas zu verändern und ich den Eindruck habe, daß das mit den Jahren schlimmer wird. Und auch, weil ich selbst dieses Gift auch gefressen habe, weil ich Teil dieser Gesellschaft bin und nicht raus aus ihr kann. Nein, weil es mir doch ab und zu mal gelingt, den Blick zu heben und mich nicht mit dem „So ist es nun mal“ abzufinden. Und da ist eine Wut, ein Ungenügen an dem Leben, das ich derzeit führe: am falschen Ort, in einer Zwickmühle aus Sachzwängen und Fremdbestimmung, befeuert durch eine Geschichte mit bürokratischen Zwängen und durch massive Unzufriedenheit mit der Art, wie ich mein für deutsche Maßstäbe kärgliches Auskommen verdiene. Da ist ein Hunger. Da ist Feuer unter der Asche.

Und darum habe ich schon wieder was vor. Ich mach’s hier auch öffentlich, damit ich das tatsächlich durchziehe:
Ich will diesen Traum hegen und pflegen. Ich will (demnächst mal) aufschreiben, wie ich persönlich mir ein gutes Leben vorstelle, egal ob das heute realistisch und realisierbar erscheint oder nicht. Und ich beschränke das nicht auf mein eigenes Leben, die gesellschaftliche Utopie braucht nur etwas länger, scheint mir schwerer in konkrete, schreibbare Worte zu sein. Doch es reicht mir nicht, mich auf mein eigenes kleines Leben zurückzuziehen. Es gibt da schließlich etwas, was uns alle verbindet. Und vielleicht gelingt es ja, sie ansteckend zu machen, diese Utopie, vielleicht ist sie irgendwann nicht mehr meine, sondern eine gemeinsame.

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