Christliche Privilegien

Weil mich die Debatte um die „stillen Feiertage“ gerade ankekst1, habe ich ein kleines Projekt ausgegraben, das ich schon vor einiger Zeit begonnen habe: ein Projekt, das sich mit christlichen Privilegien auseinandersetzt.

Was meine ich damit?
Wenn von Religion die Rede ist, denken die meisten Leute hierzulande automatisch an das Christentum in der einen oder anderen Ausprägung. Mittlerweile vielleicht an den Islam; nicht-abrahamitische Religionen werden vollkommen übersehen, erst recht nicht-standardisierte, nicht-kodifizierte Formen von Spiritualität. Letztere sind bestenfalls ein Rätsel, das vom Mainstream nur insofern wahrgenommen wird, als es den Großkirchen Konkurrenz macht.

Christentum stellt also, zusammen mit einer unkritischen Areligiosität, den „Normalfall“ dar, der Menschen, über deren Religion $mensch nichts weiß, erst einmal unterstellt wird, ähnlich wie heutzutage die große Mehrheit der Leute annehmen, ein Mensch sei hetero, cis und monogam, wenn er_sie nicht explizit etwas anderes sagt.

An dieser Stelle kommt ein Dokument ins Spiel, das ich vor einiger Zeit fand: die Christian Privilege Checklist. Den_die ursprüngliche_n Autor_in konnte ich nicht ermitteln, dennoch habe ich mich einfach mal daran gemacht, dieses Dokument zu übersetzen.

Diese Checkliste hat im [oben verlinkten] Original eine gewisse US-amerikanische Perspektive, und diese habe ich jetzt noch nicht „rausgerechnet“, z.B. wird in Deutschland offensives christliches Missionieren von Privatpersonen eher als peinlich empfunden.

In Deutschland gibt es m.W. auch massive regionale und konfessionelle Unterschiede, bereits Christ_in der jeweils nicht dominanten Konfession zu sein, kann in Bundesländern, in denen die andere Konfession dominiert, Effekte zeitigen. Die sind natürlich erheblich viel schwächer als die, denen Leute mit nonstandard beliefs, Muslime, Hindus, … oder teilweise auch Atheist_innen ausgesetzt sind. Und in Berlin Atheist_in oder Moslem/Muslima zu sein, ist etwas ganz anderes als in Oberbayern.

Checkliste: Christliche Privilegien

  • Es ist wahrscheinlich, daß meine religiösen Feiertage mit staatlichen Feiertagen zusammenfallen und dadurch wenig bis keine Auswirkungen auf meine Berufstätigkeit und/oder meine Ausbildung haben.
  • Ich kann offen über meine religiösen Praktiken sprechen, ohne Sorge, wie das von anderen aufgenommen wird.
  • Ich kann sichergehen, Musik im Radio zu hören oder Sondersendungen im Fernsehen zu sehen, die die Feiertage meiner Religion zelebrieren.
  • Wenn über die Geschichte der (westlichen, A.d.Ü) Zivilisation gesprochen wird, kann ich sicher sein, daß mir gezeigt wird, daß Leute meiner Religion sie zu dem gemacht werden, was sie ist.
  • Ich kann mir über religiöse Privilegien Gedanken machen, ohne als „an mir selbst interessiert“ oder „selbstsüchtig“ angesehen zu werden.
  • Ich kann einen „Jesus ist der Herr“-Aufkleber oder einen Icthus (den christlichen Fisch) an meinem Auto haben, ohne daß ich mir Sorgen machen muß, daß es jemand deswegen demoliert.
  • Ich kann Feiertagsgrüße machen, ohne daß ich mir vollkommen bewußt bin, welche Auswirkungen das auf diejenigen hat, die nicht dieselben Tage feiern. Ich kann auch sicher sein, daß die Leute die Feiertage meiner Religion kennen und mich mit den angemessenen Grüßen grüßen (Frohe Weihnachten, Frohe Ostern usw.).
  • Ich kann wahrscheinlich annehmen, daß es eine Universalität religiöser Erfahrung gibt.
  • Ich kann christliche Privilegien leugnen, indem ich behaupte, alle Religionen seien im wesentlichen dasselbe.
  • Ich muß wahrscheinlich nicht die religiösen oder spirituellen Gebräuche Anderer lernen, und ich werde wahrscheinlilch nicht bestraft, wenn ich sie nicht kenne.
  • Ich bin wahrscheinlich nicht belastet dadurch, daß ich erklären muß, warum ich Dinge, die mit meinen religiösen Normen zu tun habe, auf einer täglichen Basis tue oder nicht tue.
  • Ich werde wahrscheinlich nicht nach den unangemessenen Handlungen von anderen in meiner religiösen Gruppe beurteilt.
  • Wenn ich will, kann ich gewöhnlich ausschließlich unter Menschen von meiner eigenen religiösen Gruppe sein (bei der Arbeit, in der Schule, zu Hause).
  • Ich kann davon ausgehen, daß meine Sicherheit, oder die Sicherheit meiner Familie, nicht in Gefahr gebracht wird, wenn ich meine Religion anderen bei der Arbeit oder in der Schule offenbare.
  • Es ist wahrscheinlich, daß die Massenmedien meine Religion in einem großen Umfang und positiv repräsentieren.
  • Es ist wahrscheinlich, daß ich relativ leicht Gegenstände zum Kaufen finden kann, die meine religiösen Normen und meine Feiertage repräsentieren (z.B. Essen, Dekoration, Grußkarten usw.).
  • Ich kann relativ leicht und ohne viel Furcht vor Vergeltung über meine Religion sprechen oder schreiben, und sogar andere Religionen kritisieren, und meinen Perspektiven wird zugehört bzw. sie werden veröffentlicht.
  • Ich könnte einen Artikel über christliche Privilegien schreiben, ohne meine eigene Religion auf den Prüfstand zu stellen.
  • Ich kann reisen, ohne daß andere annehmen, daß ich sie wegen meiner Religion einem Risiko aussetze; und meine Religion wird mich nicht Risiken von anderen aussetzen, wenn ich reise.
  • Ich kann finanziell erfolgreich sein, ohne daß andere annehmen, daß dieser Erfolg mit meiner Religion verbunden ist.
  • Ich kann mich selbst (und meine Kinder) vor Leuten schützen, die mich (oder sie) aufgrund meiner Religion vielleicht nicht mögen.
  • Gesetzesvollstreckungsbehörden werden wahrscheinlich annehmen, daß ich eine nicht-bedrohliche Person bin, wenn meine Religion ihnen offenbart wird. In der Tat kann eine Offenlegung ihnen sogar dazu verhelfen, mich als „im Recht“ oder „unvoreingenommen/unparteiisch“ wahrzunehmen.
  • Ich kann mit Sicherheit annehmen, daß jede Autoritätsfigur generell jemand von meiner Religion ist.
  • Ich kann über meine Religion sprechen, sogar missionieren, und als „sharing the word“ charakterisiert werden, anstatt als jemand, die_der anderen ihre_seine Ideen aufdrängt.
  • Ich kann sanft und bejahend zu Leuten sein, ohne daß ich als Ausnahme für meine Religion beschrieben werde.
  • Ich werde nie gebeten, für alle Christ_innen zu sprechen.
  • Meine Staatsbürgerschaft und mein Aufenthaltsstatus werden wahrscheinlich nicht in Frage gestellt und mein Hintergrund nicht überprüft wegen meiner Religion.
  • Mein Kultplatz wird wahrscheinlich nicht wegen Ressentiments gegen meine Religion zur Zielscheibe von Gewalt.
  • Ich kann sicher sein, daß meine Religion nicht gegen mich arbeiten wird, wenn ich medizinische oder rechtliche Hilfe suche.
  • Meine Religion wird nicht dazu führen, daß Lehrer_innen mich wegen der angenommenen Fähigkeiten meiner religiösen Gruppe in eine bestimmte berufliche Schublade stecken.
  • Meine Kinder werden mir nicht weggenommen, wenn Regierungsbehörden meine religiöse Zugehörigkeit kennen.
  • Wenn ich meine Religion gegenüber einer für Adoptionen zuständigen Stelle offenlege, wird das wahrscheinlich nicht verhindern, daß ich Kinder adoptieren darf.
  • Wenn ich meinen Kindern eine religiöse Bildung in einer Gemeinde geben will, habe ich wahrscheinlich eine Auswahl von Optionen in der Nähe.
  • Ich kann sicher sein, daß meine Kinder Lehrmaterial bekommen, das die Existenz und Bedeutung meiner Religion bezeugt.
  • Ich kann sicher sein, daß, wenn jemand in den Medien sich auf Gott bezieht, mein (der christliche) Gott gemeint ist.
  • Ich kann leicht akademische Kurse und Institutionen finden, die sich nur auf Leute meiner Religion konzentrieren.
  • Meine religiösen Feiertage sind so vollkommen „normal“, daß sie in vielerlei Hinsicht überhaupt keine religiöse Bedeutung mehr zu haben scheinen.
  • Die gewählten und nicht gewählten Vertreter_innen meiner Regierung sind wahrscheinlich Mitglieder meiner religiösen Gruppe.
  • Wenn ich einen Eid leiste, lege ich ihn wahrscheinlich ab, indem ich meine Hand auf die Schrift meiner Religion lege.
  • Ich kann ohne Angst vor Ablehnung, Gewalt und/oder Vandalismus ein Symbol/Symbole meiner Religion offen an mir oder meinem Eigentum zeigen.

Meine Zusätze

  • Ich kann davon ausgehen, daß meine Kultstätten als solche bekannt sind und respektiert werden. Wenn ich dort meinen Glauben praktizieren will, kann ich das tun, ohne Sorge zu haben, mich lächerlich zu machen oder angefeindet zu werden. Jede_r wird wissen, was ich da mache.
  • Meine Religion hat die Begriffe von „Glauben“, „„Gott“, „Religion“ (u.a.) so tief geprägt und setzt sie derart absolut, daß es zu Mißverständnissen kommt, wenn diese Begriffe auf andere Religionen angewendet werden.

Wenn Euch noch weitere Dinge einfallen, die auf diese Liste gehören und/oder weitere deutsche Besonderheiten fehlen, freue ich mich auf Eure Ergänzungen in den Kommentaren.

  1. ich meine, daß in einem weltanschaulich neutralen Staat ein Feiertag einer Religionsgemeinschaft, wie groß die auch immer sein mag, kein Grund sein darf, Menschen ihr Vergnügen zu verbieten

4 Kommentare

  1. Felisylvestris
    Geschrieben am 10. April 2012 um 14:40 | Permalink

    Hi Thursa, ich spiegel das jetzt mal etwas direkt: Vieles in der Auflistung macht mich richtig ärgerlich! Und ich weiß mal wieder, warum ich eine laizistisch-atheistische Gesellschaft will.

    Manche der aufgelisteten Punkte sind nicht minder der Anspruch auf Privilegien (statt Egalisierung) oder nach dem Pendant, das ich als „christliches Ghetto“ kenne, im übrigen ein Punkt, der mir bei meinem, nach längerer Abstinz erfolgten, letzlichen Streifzug durch die einschlägigen, deutschsprachigen Heidenforen extrem auf die Nerven ging.

    Nein, ich WILL NICHT in einer Umgebung leben, in der alle meine spezielle Kultur teilen, mir sind – auch kritische – Auseinandersetzungen damit willkommen, schärfen sie doch mein Wahrnehmungsvermögen – auch auf mich selbst. Denn das ist Teil meines ach so selbstsüchtigen Entwicklungsdrangs, der mich davon abhält, es mir auf einem Pups-Sofa bequem zu machen und ab sofort nur noch über die Welt zu räsönieren anstatt sie zu erfahren.

    Und ich muss auch echt nicht jedem auf die Nase binden, mit welchen Göttern ich gerade ein Rendevous hatte. Und finds dito einfach nur nervig bis ärgerlich, wenn das ein anderer ungefragt bei mir tut. Aber das weniger, weil ich Asatru und damit eh Höllen-Kind (im Sinne von Hel und ihrer Verwandten Holle, selbstverfreilich!) bin, sondern weils einfach nervt, wenn jemand ungefragt mit seinen Ansichten hausiert. Übrigens nicht zu verwachseln mit kulturellem Austausch, dem ich immer wieder interessiert entgegenschau. Da kann man nämlich noch was lernen. ^^

    So, jetzt mach ich erstmal Schluss. Ist eh langsam unübersichtlich im Kommentarfenster und mir fiele mit Sicherheit nochmal so viel Text dazu ein.

    Lass Dich drücken! 🙂 Felis

  2. Geschrieben am 10. April 2012 um 16:29 | Permalink

    Ja. Eine säkulare laizistische Gesellschaft wäre für mich auch die wünschenswerte Lösung.

  3. Geschrieben am 19. April 2012 um 17:09 | Permalink

    ich hab grad doch auf dein post bezug genommen. ich kann deine gedanken voll und ganz unterschreiben. faszinierend fand ich, als ich dein post las, dass das thema grad bei uns die runde macht und eben auch bei dir:)

    rabe

  4. Geschrieben am 22. April 2012 um 09:41 | Permalink

    Ich kann mich da nur anschließen. Mich hat das schon letztes Jahr angeätzt mit dem Tanzverbot und diesem Ton von oben herab, es sei nun nicht so schlimm, mal einen Abend auf Party zu verzichten. Ich will gar nicht in die Disco und mich besaufen. Aber ich will auch nicht, dass mir das jemand verbietet ohne ordentlichen Grund. Und „Wir sind hier die Staatsreligion!“ ist nicht ordentlich.

    Ich erlebe es auch immer wieder, dass Religion und Spiritualität gleichgesetzt wird mit Christentum, dass die Kinder geschlossen in Refomationsgottesdienste und weihnachtliche Bibelandachten müssen. Niemand hinterfragt das. Eine Kollegin sagte mir allen Ernstes, wir lebten nun mal in einem christlichen Staat, und ich feierte ja sicherlich auch schön mit Baum, da sei doch ein bisschen kirchliche Besinnlichkeit drin. Als ich versuchte, ihr zu erklären, dass die Sonnenwende universell und sicherlich älter ist als die Tradition, dass das liebe Jesulein zu ausgerechnet dem Termin Geburtstag hat, da meinte sie nur „Sonnenwende? Feiern das nicht die Wikinger und so?“ Und das ist eine studierte Religionslehrerin.

    Es ist echt christliches Privileg, sich gnadenlos dumm stellen zu können und nicht damit rechnen zu müssen, dass jemand lacht.

Ein Trackback

  1. […] Artikel ist eine erweiterte Version des Artikels Christliche Privilegien auf riesenheim.net. Tags: diskriminierung, Gesellschaft, menschenrechte, privilegien, […]

Hinterlasse einen Kommentar

Deine Email-Adresse wird niemals weitergegeben. Notwendige Felder sind mit * markiert

*
*

Comments links could be nofollow free.

Canonical URL by SEO No Duplicate WordPress Plugin