Zwischen allen Stühlen I – Wissenschaft, Religion und ich

Vorbemerkung und Begriffsklärung: Ich rede in diesem Post von Religion und gebrauche diesen Begriff recht unscharf. Ich wende ihn hier auch gelegentlich auf meine eigene Praxis an – weil diese von vielen Menschen so klassifiziert wird, was ich nicht ganz so sehe. Über diese Begriffsproblematik habe ich hier schon einmal geschrieben: Die Crux mit den Begrifflichkeiten.

tl;dr: Es nervt, daß in der wahrnehmbaren Debatte über Religion und Wissenschaft ständig die Extrempositionen gegeneinandergestellt werden.

In der letzten Folge meines Podcasts erwähnte ich, daß ich u.a. ein Wissenschafts-Fangirl bin. Das bezieht sich ganz ausdrücklich nicht nur auf Naturwissenschaften, denn ich bin ja von meiner Ausbildung her (u.a.) Philologin und Musikwissenschaftlerin, und ich finde auch das Werkzeug, das ich aus den Geisteswissenschaften habe, ganz phänomenal und toll. So naturwissenschafts-lastig meine Beschäftigung mit Wissenschaft in letzter Zeit war, so undenkbar wäre dieses Blog ohne meine geisteswissenschaftliche Bildung.

Und jetzt zu den zwei Dilemmata, mit denen ich mich in letzter Zeit schlage. Bilder wie dieses bringen mein erstes Dilemma toll zum Ausdruck:

Religionskritische Wissenschaftsfans schießen sich, seit ich diese Debatten wahrnehme, auf exakt die extremen, wissenschaftsfeindlichen Form von Religion ein. Und zum Teil gebe ich ihnen recht. Das Paradigma „Es kann nur eine Wahrheit geben“ ist immer ein Problem. Ich verabscheue es, wenn Religionen sich gegen Menschenrechte stellen. Ich rolle nur mit den Augen, wenn ich mitkriege, welcher Schmu in der esoterischen Szene, mit der meine Praxis so gern in einen Topf geschmissen wird, als Lizenz zum Gelddrucken dient. Und ich meine, daß Kreationismus im Biologieunterricht nichts zu suchen hat. Auch ich finde, daß wahre Religionsfreiheit sich nur umsetzen wird, indem Religion vollkommen Privatsache wird, die sich nicht in die Politik einzumischen hat.

Das slippery slope-Argument, das aber bei den Wissenschafts-Fanboys (von Fangirls habe ich es seltener zu hören bekommen) daraus wird, verletzt mich jedoch. Dieser logische Fehlschluß funktioniert ungefähr wie folgt: „Die extreme Form deiner Position ist nicht akzeptabel, also ist auch die moderate Position inakzeptabel“.

In der feministischen Szene finde ich sowas dann z.B. beim Protest gegen den 1000-Kreuze-Marsch, wenn da unter anderem „Aufklärung über Atheismus“ auf dem Programm der Aktivitäten gegen die Demo steht. Ich fühle mich Atheist_innen in vielen Anliegen verbündet, aber diese Haltung, nur Atheismus könne wahrhaft emanzipatorisch sein, da kann ich nur seufzen und den Kopf schütteln – genau wie über die Annahme, Religion sei die einzige Quelle von Moral.

Ich finde nämlich, wie ich in der letzten Podcastfolge schon gesagt habe, daß die jetzige Wissenschaft für die alltägliche Wirklichkeit bessere Erklärungsmodelle bietet. Und zum Teil bin ich auch Wissenschafts- und Technikoptimistin und glaube, daß in Wissenschaft und Technik viel Potential steckt, das Leben besser zu machen. (Es steckt auch viel Potential drin, das Leben schrecklicher zu machen – Technokratie und Wissenschaft ohne Selbstkritik können das genauso gut wie fundamentalistische Formen von Religion.)

Und warum halte ich dann resigniert die Klappe über meine Spiritualität? Weil es zu viele Windmühlen auf einmal sind, gegen die ich kämpfen müßte. Zum einen das generelle Unwissen über nonstandard beliefs (nein, nicht jede_r, der_die Karten legt oder Dynamische Meditation macht, glaubt auch allen Esoschmampf), zum anderen eine Haltung, die diejenigen Leute ignoriert, die sich als gläubig erleben und wissenschaftlich tätig sind oder eine positive Haltung zur Wissenschaft haben, und zum dritten, daß ich mich selbst in Zwickmühlen fühle, weil ich mit multiplen und unabgeschlossenen Weltbildern lebe und einige Dinge praktiziere, die als unvereinbar mit einem „naturwissenschaftlichen Weltbild“ angesehen werden, z.B. Divination und Magie – jedesmal, wenn ich meine Spiritualität zu erkennen gebe, mache ich mich in diesem Punkt angreifbar. Eben diese „schwierigen“ Praktiken aus dem Bild des Heidentums herauszuhalten, das ich nach außen vertrete, wäre jedoch zum einen glatt gelogen, solange ich im Privaten eben doch z.B. Runen auf Dingen anbringe, zum anderen wäre es eine Zähmung meines Heidentums, die es irgendwie zahnlos machen würde.

Ich träume davon, daß das Streben nach Wissen als heilig angesehen wird und Erkenntnis als gesegnete Gabe, daß Wissen und Bildung als etwas angesehen werden, das bewahrt, gehegt und gepflegt werden sollte. Mit meiner Spiritualität kann das klappen. Und weil das so ist, verbünde ich mich mit Leuten, die sich gegen wissenschafts-feindliche Formen von Religiosität stellen.

Um das zweite Dilemma geht’s im nächsten Teil.

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