Zwischen allen Stühlen II – Queerness, Religion und ich

Es gilt dieselbe Vorbemerkung wie für Teil I.

Das zweite Dilemma ist eigentlich gar keins. Es ist etwas, das mir vor allem in queeren und feministischen Zusammenhängen begegnet ist: wenn ich mit Menschen auf das Thema Religion zu sprechen komme, erzählen mir nicht wenige, die irgendwie religiös erzogen worden sind, als wie einengend bis traumatisch sie religiöse Erziehung erlebt haben. Das ist etwas, das ich erst ganz langsam zu verstehen lernte.

Ich selbst bin ohne systematische „religiöse Erziehung“ groß geworden und höchstens durch die (New Age-geprägte) Praxis meiner Eltern mitgeprägt worden. Mir ist nie etwas eingetrichtert worden, was ich zu glauben hätte und was nicht – außer vielleicht dem Religionsunterricht in der Schule, von dem ich mich sehr früh distanziert habe. Über die Musik habe ich mich intensiver mit dem Christentum auseinandersetzen müssen (hallo, geistliche Chormusik, hallo kirchlicher Einfluß auf die Musikgeschichte), darüber aber mehr die formale Seite des Mainstream-Christentums kennengelernt.

Leute, die mit dieser schlimmen „religiösen Erziehung“ groß geworden sind, begegneten mir z.B. auf Mailinglisten, auf Veranstaltunge wie dem gendercamp oder auch auf Blogs. Für etliche Frauen*, die ich in der Hexenbewegung erlebt habe, war es am Anfang ihrer Beschäftigung damit ein riesiger Schritt und eine riesige Befreiung, sich das Göttliche als weiblich vorzustellen (etwas, das, wenn ich so für mich zurückdenke, für mich spätestens seit meinem 9./10. Lebensjahr unter dem Motto „klar, logisch, warum auch nicht“ lief). Leute, mit denen ich mich auf dem gendercamp unterhielt, waren tief verletzt dadurch, daß die Religion ihrer Herkunftsfamilien ihr gender oder ihre Sexualität verdammten, und von der Körperfeindlichkeit, die da mit religöser Begründung vertreten wurde (während die new age-geprägte Spiritualität meiner Eltern bei allen biologistischen und gender-essentialistischen Momenten ausdrücklich body-positive und sex-positive war und ich somit gar kein grundsätzliches religiöses Problem mit meinem Coming Out hatte).

Und erst so langsam begreife ich, wie weitverbreitet diese Verletzung ist. Es macht mich wütend, wütend auf Leute, die anderen im Namen der Religion solche Verletzungen zufügen. Das einzige, was ich da tun kann, ist, das „laßt mich mit dem Scheiß in Ruhe“ zu akzeptieren – und, wenn ich gefragt werde, so sachlich und differenziert Auskunft zu geben, wie ich kann.

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