Ein Recherche-Überdruß.

Gestern habe ich den Nachmittag im Spinnboden Lesbenarchiv verbracht und recherchiert – ich wollte doch einmal sehen, ob ich in einem spezialisierten Lesbenarchiv noch einmal einige Bücher für mein Buchprojekt finde, die ich bisher übersehen habe.

Dabei wühlte ich unter anderem in alten Ausgaben der Schlangenbrut. Beim Lesen der Schlangenbrut vom November 1990 fiel mir ein Leserinnenbrief von Sibylle Kästner zum Thema Matriarchate auf. Kästner beginnt ihren Leserinnenbrief frustriert:

So sehr ich mich auch freue, immer wieder Stimmen zur Matriarchatsdebatte zu vernehmen, so sehr ärgert es mich andererseits, daß Frauen seit mindestens 5 Jahren de facto nichts Neues darüber zu schreiben vermögen. Es werden ewig die gleichen Argumente genannt, gerade auch in bezug auf die archäologischen Funde.1

Was hat das mit meinem Gefühl über lesbische/feministische/queeere Spiritualität(en) zu tun? Ganz einfach, mir kam beim Lesen die Frage: Was ist seit 1990 eigentlich passiert?
Mein Eindruck ist: Es hat seit den 90ern einen ganz furchtbaren Backlash gegeben. Vielleicht ist in den letzten Jahrzehnten tatsächlich etwas an feministisch-spiritueller Literatur erschienen, was nicht von alten Protagonistinnen ist, die noch im Feminismus der 80er Jahre verortet sind – aber wenn, dann habe ich es nicht mitbekommen. („Frauenspiri“ ist sicher einiges erschienen, aber das ist nicht deckungsgleich mit feministisch.)

Mir fehlt in der Geschichtsschreibung der Frauenbewegung, die mir bisher zugänglich ist, eine Dokumentation der spirituellen Frauenbewegung. Ich bekomme nur immer wieder mit, daß sich irgendwann die spirituelle Frauenbewegung und die politische getrennt haben (vgl. hier). Aber Genaueres, wie es dazu kam und was da eigentlich los war, finde ich bisher nicht.

Angesichts feministischer Theologie fällt mich auch ein jähes, starkes Gefühl von Überdruß an, vielleicht hat es mit der meistens christlich geprägten Sphäre zu tun, der das meiste davon entstammt – auch wenn ich das Christentum an sich nicht ablehne, ist seine begriffliche Welt für mich unverdaulich. (So wie auch vieles andere der „großen Weltreligionen“: Als ich Anfang 2011 einen interreligiösen Gottesdienst besuchte, machte mir die Metaphorik von Licht und Höhe, mit der da viel gearbeitet wurde, zu schaffen und mir fiel auf, wie selbstverständlich es für mich ist, in Begriffen von Erde, Dunkelheit und Verwurzelung zu denken.)

Und dann wieder stelle ich fest, daß ich mich sehr zurückgezogen habe. Daß ich auch auf den „heidnischen Mainstream“, wie er auf diversen Foren lebt, keinen Bock mehr habe, daß er mir nichts mehr gibt, daß ich schon längst ganz woanders bin und es satt habe, mich an den immer gleichen Klischees abzuarbeiten. Gemeinschaft? Da ist die Ætt, da sind ein paar wenige seelenverwandte Menschen. Und manchmal hätte ich auch Lust auf Leute, mit denen ich z.B. systematischer spezifisch queere Wege erkunden kann, dem steht aber gerade im Wege, daß da eine Ortsveränderung vor der Tür steht, von der ich noch nicht weiß, wo sie genau hinführen wird und wann.

Tja, und dann kam mir beim Lesen meiner bruchstückhaften Notizen eine weitere Frage: Gibt es eigentlich irgendwelche queer-freundliche Einsteiger_innenliteratur zum Thema Heidentum/Hexen? Denn die in der Hinsicht noch am wenigsten unerträgliche Literatur, die ich kenne, ist Starhawk2, aber auch verwendet in den 80ern noch einiges an heteronormativer Begrifflichkeit und Bildlichkeit.
Christopher Penczaks „Gay Witchcraft“3 halte ich für ein problematisches Buch. Raven Kalderas „Hermaphrodeities“4 ist IMHO ken Einsteigerbuch und außerdem ist es ein Buch speziell für Transmenschen – für cisgender-queers im Zweifel also nur beschränkt nützlich. Beide sind außerdem auf englisch und damit für Menschen, die nicht fließend englisch lesen, auch nicht sonderlich nützlich.
Eigentlich wollte ich kein Einsteigerbuch schreiben. Aber vielleicht wird genau das gebraucht.

Aber sagt mal, wie Ihr das empfindet. Vielleicht ist das ja nur mein beschränktes Wissen. Vielleicht kann mir ja eine_r von Euch Hinweise geben entweder zur Geschichte der spirituellen Frauenbewegung oder zum Thema „queer-freundliche heidnische Einsteiger_innenliteratur auf deutsch“.

  1. Kästner, Sibylle, ‘Leserinnenbrief Zu Helga Laugsch, “Was Ist Dran Am ”Mutterrecht“ Und ”Matriarchat“?” in Schlangenbrut Nr. 30, S. 6-7’, Schlangenbrut, 8 (1990), S. 2
  2. Starhawk, Der Hexenkult als Ur–Religion der Großen Göttin: Magische Übungen, Rituale und Anrufungen (München: Goldmann, 2000), und Wilde Kräfte: Sex und Magie für eine Erfüllte Welt (Freiburg: Hermann Bauer, 1987)
  3. Penczak, Christopher, Gay Witchcraft: Empowering the Tribe (Red Wheel/Weiser, 2003)
  4. Kaldera, Raven, Hermaphrodeities: The Transgender Spirituality Workbook (Philadelphia Pa.: Xlibris Corp., 2001)

5 Kommentare

  1. Geschrieben am 7. Dezember 2012 um 01:50 | Permalink

    Hm, also Ute Manan Schirans „Menschenfrauen fliegen wieder“ finde ich gut, da kommt halt explizit auch diese Gottheitendualität nicht vor, das ist alles viel schamanischer und ungenormter. Das macht das Buch aber auch nicht grade zu einer einfachen Einsteigerliteratur, wo einem alles vorgekaut wird. Und man muss ihre „Betroffenheitsart“ abkönnen, mit der das Buch losgeht. Das Buch war für mich das erste Buch überhaupt, das nicht nur mit dieser ewigen Dualitätskiste ankam und daher war das einfach ganz wichtig für mich.

  2. Geschrieben am 7. Dezember 2012 um 09:05 | Permalink

    Ein feministisch/literarischer Einstieg wäre vielleicht „Die Wolfsfrau“ von Carola Pinkola Estés (bezieht sich vor allem auf Märchen und Mythen). Theoretisch aufgebaut ist „Die wilde Frau“ von Angelika Aliti. Mehr auf die Praxis bezogen ist natürlich der Klassiker von Zsuzsanna Budapest „Herrin der Dunkelheit, Königin des Lichts“. Die Bücher sind nicht speziell queer, haben aber eine feministische Basis.

    Der Verlag Frauenoffensive müsste auch noch ein paar interessante Titel haben (z.B. „Magie, Heilen und Menstruation“ von Dr. Rosemary L. Rodewald – leider wohl kein Einsteiger_innenbuch). Neuere Einstiegsliteratur ist mir derzeit auch nicht bekannt, jedenfalls nicht auf Deutsch.

    Soweit ich das nachvollziehen kann, gab es damals wohl heftige Diskussionen, ob der spirituelle Feminismus nicht eher negativ auf den Rest der Bewegung wirke, da er Frauen (explizit ohne Sternchen) eine bestimmte mystische „Rolle“ zuschrieb, die vom Rest der Bewegung versucht wurde zu dekonstruieren. Außerdem wird das „Drumherum“ für viele fremd und deshalb lächerlich gewesen sein. Insgesamt wird der damalige Hauptstrom des Feminismus (die große Forderung war ja Gleichheit) einen Rückschritt im vermeintlichen „Urfrauenmytserium“ gesehen haben. Die Negativität zwischen den Strömungen ist bis heute spür- und in manchen Blogs lesbar (im Mädchenblog zum Beispiel).

  3. irka
    Geschrieben am 7. Dezember 2012 um 15:32 | Permalink

    Mary Daly ist auch nix für Einsteigerinnen (und nix für nicht-gut-englisch-könnende, die Übersetzungen sind nach Aussage meiner Freundin „ein netter Versuch“ – die liest im Original und findet es toll. Mir langten die in deutsch – sind toll und seeehr aufregend). Ich hab auch mit der Francia-Schiran-Starhawk-Mischung angefangen. Aber die geben ja eine erste Basis, wenn auch nicht explizit queerfeministisch.

  4. Geschrieben am 7. Dezember 2012 um 21:53 | Permalink

    @Cindy: Naja – zu Teilen kann ich die Negativität sogar verstehen; was in Eso-Kontexten an *istischem Mist (re)produziert wird, geht mir nämlich auf den Nerv… Ich sitze da ganz unbequem zwischen den Stühlen. Bei „Urfrauenmysterium“ kringeln sich bei mir alle Zehennägel.

    Und wenn ich „queerfreundlich“ sage, meine ich ja nicht nur Lesben und bisexuelle Frauen. Ich meine auch schwule und bisexuelle Männer, Asexuelle, Menschen, die sich gar nicht definieren wollen, Weder-Nochs, Inbetweens, Trans\*leute und alle, die jenseits der heteronormativen Zwei-Geschlechter-Ordnung l(i)eben.

    Vieles von der „Frauenspiri-Literatur“ ist irgendwie bis hammerhart heterozentristisch – es agiert, als wäre die Lebenswelt jeder Frau so wie die einer Hetera, und Schwule, Bisexuelle oder Menschen zwischen den Geschlechtern werden gleich ganz ignoriert. Das ist selten böse gemeint, es ist meistens einfach ein blinder Fleck. Das Resultat ist dasselbe: Ich fühle mich nicht mitgedacht und nicht gemeint.

    Mit Budapest habe ich arge Probleme und möchte sie auch nicht empfehlen.

    @Distel: Ja, „Menschenfrauen fliegen wieder“ habe ich auch gerade nochmal gelesen. Daraus kann ich einiges ziehen, nur als Einstieg wär’s echt heftig. Und Schiran ist ja jetzt auch eine, die in den späten 70ern/Anfang der 80er angefangen hat zu schreiben, also genau jene im 80er-Jahre-Feminismus verwurzelte Generation. Ähnlich wie Luisa Francias frühe Bücher oder die von Judith Jannberg lese ich die aber als Dokumente einer früheren Generation mit mir fremden Erfahrungen und deshalb mit einer gewissen Distanz. Ich kann damit immer noch unendlich mehr anfangen als mit Silver Raven Wolf oder anderer gängiger Hexenliteratur!

    Damit das für folgende Kommentator_innen klar ist: Ich frage ja nicht für mich nach Einsteigerliteratur – ich bin schon lange keine Einsteigerin mehr (hey, ich bin seit 1996 hexisch unterwegs); ich frage für die Menschen, mit denen ich ins Gespräch komme und die mich dann nach einem Einstieg fragen. Überhaupt wird, wenn ich mich in Spiri-Kontexten an Dingen störe, grundsätzlich immer gern alles erstmal als mein persönliches Problem verstanden und dann auf so einer Ratschlagebene geantwortet. Dabei ist mein Mich-An-Was-Kratzen mindestens in Teilen immer grundsätzlich – d.h. die Dinge fallen mir zwar auf, weil sie mich betreffen, ich würde mich, fielen sie mir denn auf, jedoch auch dran stören, wenn sie mich persönlich nicht beträfen. Und ich will auch nicht auf so einer „Ist mir egal, ich habe meinen Weg, andere sind mir egal“-Ebene agieren. Irgendwie will ich was hinterlassen, das anderen, die ähnliche Kämpfe durchmachen, helfen könnte, oder gar dazu beitragen, daß andere diese Kämpfe nicht auch durchmachen müssen.

    Nicht, daß ich das hier jetzt so kraß wahrnehme, aber ich kenne die Tendenz, und dem baue ich jetzt mal vor 🙂

  5. irka
    Geschrieben am 8. Dezember 2012 um 19:42 | Permalink

    dann wirst du selbst schreiben dürfen 🙂

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