Was ich von meiner Spiritualität eigentlich will, Teil I

Der folgende Text lag lange in meinen Entwürfen rum. Ich habe mich jetzt entschieden, einen Dreiteiler daraus zu machen. Es gibt keinen konkreten Anlaß für diesen Text.

In meinem Post Mein Klassikrepertoire und ich (auf ryuu.de) erwähnte ich, daß mein Heidentum nicht in einer Abneigung gegen das Christentum begründet ist, und ich muß zur Klärung dazu sagen: Ich habe keine solche Abneigung. Vielmehr war mir schon in der dritten Klasse klar, daß das Christentum einfach nichts für mich ist. Dazu muß ich vielleicht erwähnen, daß ich auch in einer Umgebung aufgewachsen bin, die vollkommen offen mit alternativen Spiritualitäten umging; meine Eltern versuchten mich nie zu irgendetwas zu erziehen. Höchstens kam ich durch ihre spirituellen Neigungen (beide sind seit den Neunzigern Sannyasins, haben aber schon seit den Achtzigern damit sympathisiert) mit dem einen oder anderen Thema näher in Berührung. Das Christentum war nicht darunter. Es gab daher wenig, wovon ich mich abwenden mußte; das Christentum war nicht darunter, weil es ja nie „meine“ Religion gewesen war.

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Trotzdem standen zwei Dinge für mich fest: Ich brauche neben dem faktisch-wissenschaftlichen Weltbild so etwas wie ein spirituelles Weltbild und, mehr noch, eine spirituelle Praxis. Und: Von den etablierten Religionen kamen vielleicht einige Spielarten des Buddhismus entfernt für mich in Betracht, sonst keine. Ohnehin war für mich die Reihenfolge „Ich schaue erst außerhalb großen Weltreligionen, wenn sich keine davon für mich als richtig erweist“ nicht zwangsläufig.

Mit den Begrifflichkeiten Religion und Spiritualität habe ich mich ja bereits auseinandergesetzt. Das wiederhole ich jetzt nicht; wichtiger und wichtiger scheint mir aber die Frage nach dem „Warum?“ zu sein.
In Publikationen wie der Stern-Ausgabe „Selig ohne Gott1 nimmt, angefangen vom Gottesbegriff – „ohne Gott“ meint in diesem Text nämlich nicht die Abwesenheit jeder numinosen Wesenheit, sondern „ohne einen Gott, wie ihn sich der christliche Mainstream vorstellt“ -, das Christentum eine seltsam privilegierte Stellung ein; immer wieder wird gefragt, was denn die Kirchen tun müßten, damit das Christentum wieder interessant ist, es wird wieder einmal darauf abgehoben, daß sich die Leute scharenweise davon ab- und exotischen Kulten zuwenden. „Exotisch“ ist da so ungefähr alles jenseits der christlichen Mainstreampraxis, und der Text strotzt nur so von wertenden Formulierungen. Selbst gestaltete, autonome und mitunter eklektische Spiritualität wird als beliebig und vorrangig modisch motiviert dargestellt, nicht-mainstream-abrahamitische 2 Strömungen von Religiosität und Spiritualität werden unterschiedslos nebeneinandergestellt und so als verwirrendes buntes Durcheinander präsentiert, aus dem der moderne westliche Mensch sich nach Belieben seinen Mix zusammenstellt.

Und dieser Artikel ist noch einer der freundlichen. Solche Darstellungen sind der Grund, warum viele Heid_innen, die ich kenne, die Massenmedien in puncto Berichterstattung über Nicht-Mainstream-Religionen (da fallen in unserern Breiten Buddhismus und Hinduismus mit hinein) abgeschrieben haben und als nicht vertrauenswürdig empfinden.

Zwei blinde Flecken in diesem Diskurs scheinen das Verstehen eines Bedürfnisses nach Spiritualität und die Differenzierung zwischen Spiritualität und Religion zu sein – auch in der oben genannten Stern-Ausgabe wird das munter in einen Topf geworfen und ein paarmal kräftig umgerührt. Ich meine, wenn man von einem derart engen Begriff des Göttlichen und von einem derart undifferenzierten Religionsverständnis ausgeht, dann kann man auch nicht verstehen, warum sich heute die Praxis vieler Menschen ändert. Und die Mär von der kuscheligen, anstrengungslosen Wellness-Spiritualität stimmt ja gerade bei vielen Praktizierenden alternativer Spiritualitäten nicht.

Aber zurück zu mir: Warum mache ich mir also die Mühe, mich mit Spiritualität zu befassen, und warum ausgerechnet eine Form, die mit soviel politischem Gepäck, mit soviel historischen, sprachlichen und archäologischen Hausaufgaben einherkommt und ohne heiliges Buch, festgeschriebene Glaubensinhalte (ja, ohne überhaupt einen „Glauben“ im landläufigen Sinne) und feststehende Rituale? Wo der gemeinsam entwickelte Brauch nur für die Nasen gilt, die ihn entwickelt haben (mit der Option, daß andere ihn vielleicht auch übernehmen, wenn er ihnen paßt) und nur so lange festgehalten wird, wie er allgemein als nützlich empfunden wird? Wo gemeinsam gefundene Regeln für die Gemeinschaft den Menschen dienen sollen und nicht umgekehrt? Was will ich von meiner Spiritualität – und wofür brauche ich sie nicht? Darum soll es im zweiten Teil gehen.

  1. Rosenkranz, Stefanie: Geister, Gurus Und Gebete’, stern Nr.49/2009, S. 44–64
  2. denn Kabbala und Sufismus, die ich durchaus als mystizistische und nicht-mainstream-Strömungen abrahamitischer Religionen einordnen würde, werden auch in die Menagerie der ‚neumodischen Wellness-Spiritualitäten‘ einsortiert

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