Was ich von meiner Spiritualität eigentlich will, Teil III.

Ich habe im ersten Teil dieser Serie die mediale Repräsentation von religiösen und spirituellen Praktiken außerhalb der Großkirchen problematisiert und im zweiten Teil dargelegt, worum es mir in meiner Praxis nicht geht. Bleibt immer noch die Frage offen: Warum mache ich es denn dann? Wie läßt sich die Motivation hinter meinem Tun positiv definieren?

Baumstumpf mit Moos und Pilzen

Die rational vielleicht faßbarsten Ebene meiner Motivation ist folgende: Ich habe selbst in meinen ‚unspirituellsten‘ Zeiten ein Bedürfnis gehabt, mich mit ‚dem Großen Ganzen‘ auf eine positive Weise verbunden zu fühlen, auf eine Weise, die über das Mechanische, über physische, wirtschaftliche und soziale Zusammenhänge hinausgeht; auf eine Weise, die insbesondere eine Beziehung zur nichtmenschlichen Welt für mich nicht nur rational, sondern auch emotional-intuitiv erfahrbar macht. Das, was ich das Spirituelle nenne, ist eine Tiefendimension in meinem Leben, die mich spüren läßt, daß ich über materielle Zusammenhänge, über soziale Bindungen hinaus mit etwas verbunden bin, das größer als ich ist, größer als der Teil der Welt, den ich erfassen kann – und mehr als menschlich.

Ein weiterer Baustein: Ich bin mit alternativen spirituellen Praktiken groß geworden. In einem Alter, in dem andere zum ersten mal kiffen, experimentierte ich mit Meditationstechniken, vorrangig mit solchen aus buddhistischen Traditionen (und pflege zu scherzen, daß mich das für Drogen versaut hat). Ich habe neben dem Bedürfnis nach dem Mich-Eingebunden-Erleben auch immer wieder das Bedürfnis verspürt, Dimensionen des Bewußtseins jenseits des alltäglichen Verstandes zu ergründen und zu kultivieren – da stellen die Meditationstechniken, mit denen ich als Jugendliche in Berührung kam, einen guten Ausgangspunkt dar: Eins muß ja erst einmal auf die Idee kommen, daß sie da sind. Und wenn ich jetzt nur schamanische Dinge täte, um die Trance zu genießen: was wäre dabei? (Denn die Abwertung von schlichtem Genuß kommt ja aus einer bestimmten Tradition, von der ich mich wenigstens punktuell frei machen will.) Aber das ist nicht alles. Denn genau diese Ebenen und Zustände des nicht-alltäglichen Bewußtseins sind quasi Werkzeug und Weg zu dem, was ich von meiner Spiritualität will.

Ein weiteres Bedürfnis meldete sich, als ich mit etwa 20 Jahren begann, mich mit heidnischen Wegen zu beschäftigen: Das Bedürfnis danach, Sinnlichkeit, Phantasie und Poesie nicht als unwesentliches oder als zu überwindendes abzutun, sondern als Werte in sich selbst, die elementarer Baustein meiner Spiritualität sind. Denn meine Spiritualität ist nicht vergeistigt. Sie will mit allen Sinnen erfahren sein. Mythos und Ritual sind deswegen für mich wichtig.

Der Nenner, auf den ich den Kern meines spirituellen Wollens am ehesten bringen kann, lautet: eine auf mehr als rationaler Ebene spürbare Verortung in der und Verbundenheit mit der mehr als rationalen Welt – das, was ich ‚das Große Ganze‘ nenne; eine spürbare, lebendige Verbindung zum Göttlichen und zum Heiligen.

Die Konsequenzen für meine Weltbilder

Und deswegen muß ich mich auch nicht in einen Widerspruch zum naturwissenschaftlichen Weltbild stellen – im Gegenteil, für alltägliche Fragen (wie zum Beispiel, warum eine LED-Lampe leuchtet und wie ich eine nicht mehr leuchtende Lampe repariere) liefert es mir angemessene Herangehensweisen und Antworten. Auf der Ebene meiner spirituellen Bedürfnisse hingegen bleibt ein rein materialistisches Weltbild unbefriedigend.

Diese Motivation erklärt genauso, warum ich (siehe Teil II) mein spirituell-mythisches Weltbild nicht als einziges haben muß und warum ich Mythen nicht als faktische Erzählungen lese. Mythen haben ihr eigenes ‚Einsatzgebiet‘, nämlich die Dimension des Umgangs mit dem Göttlichen, des Spirituellen und dessen, was ich als ‚Nichtalltägliche Wirklichkeit‘ bezeichne.

Den Begriff „Weltbild“ verwende ich bewußt im Plural. Die Forderung, nur eins davon zu haben, das bitte für alles gültig sein soll, kann ich mir nämlich nur in einem Denken als gültig vorstellen, das vom Axiom, es könne nur eine Wahrheit geben, geprägt ist. Ganz davon abgesehen: Ich betrachte meine Weltbilder nicht als abgeschlossen und „wahr“ im Sinne von Endgültigkeit. Was für mich zählt, ist eher ihre Viabilität; ich betrachte sie als veränderliche Arbeitshypothesen.

Meiner Einschätzung und Beobachtung nach können viele Menschen ohne ein Bezugssystem jenseits des Materiellen wunderbar leben. Andere wiederum haben ein Bedürfnis danach. Möglichkeiten, diese Bezug herzustellen, gibt es viele; für mich haben sich heidnische Denkungsarten und Praktiken als tauglich erwiesen, und der Tauglichkeit anderer Praktiken tut das keinerlei Abbruch.

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