Zwischen Gegenüber und Identifikation: Mein Verständnis von Gottheiten

Noch was, worüber ich letztens mit Wurzelfrau Kommentardiskussionen geführt habe und wozu ich einen Text versprochen habe: Meine Beziehung(en) zu Gottheiten und wie mein Polytheismus funktioniert.

Der Witz an meinem Polytheismus ist nicht, daß nur homosexuelle Gottheiten verehre oder mich an den geschlechtlich uneindeutigen Gottheiten festmache – letzteres nun gerade nicht; danach habe ich als cis-Frau keinen so großen Bedarf und es ist mir wichtig, Begehren und gender – auch wenn sie sich gegenseitig beeinflussen mögen – als zwei getrennte Dinge zu betrachten.
Die Menschen, die ich begehrenswert finde, leben eine klar als weiblich lesbare gender performance. Die rigide Zwei-Geschlechter-Ordnung durch etwas Fluides zu ersetzen, ist mir zum einen insofern wichtig, als es Platz für Leute mit nicht-binärem Geschlecht schafft, zum anderen ist das für mich persönlich wichtig, weil die üblichen Männlichkeits- und Weiblichkeitsvorstellungen klar gekoppelt sind mit Heterosexualität und mit Annahmen, was dem jeweiligen Geschlecht im Leben wichtig zu sein hat und welches Verhalten jeweils angemessen ist.

Hier sind ein paar Dinge darüber, wie ich meine Gottheiten und meine Beziehungen zu ihnen sehe:

a) Ich lehne den Satz „Alle Göttinnen sind eine Göttin, alle Götter sind ein Gott“ ab. Nicht nur wegen seiner zweigegenderten Grundvoraussetzung, sondern weil die Vielzahl der Gottheiten mir erst erlaubt, sie mir in Diversität vorzustellen. Wenn ich so etwas wie eine übergreifende Göttlichkeit anerkenne, dann ist sie auf einer derart abstrakten und unpersonalen Ebene (und damit auch jede denkbare und undenkbare Geschlechtlichkeit und Geschlechtslosigkeit umfassend), daß sie für alle praktischen Belange keine Rolle spielt: ungefähr so groß wie das gesamte Universum. Auf praktischer Ebene betrachte ich Gottheiten als klar unterschiedene Individuen.

b) Ich kategorisiere meine Gottheiten nicht primär nach Geschlecht. Ich versuche, sie möglichst als komplexe Persönlichkeiten wahrzunehmen. Charaktere, mit deren spezifischen Aufgaben und Stärken mein Leben gerade was zu tun haben mag – oder auch nicht.

Ich nehme die Großen als Vielzahl von sehr spezifischen und verschiedenen Wesenheiten wahr, und es ist mir wichtig, ihre Details kennenzulernen und nicht bloß irgendwo mal einen Absatz in einem Buch zu lesen. Bei manchen mag das erst einmal schwierig sein, weil es wenig historische Quellen gibt: da müssen dann Kreativität, Selberdenken und hands-on-Mystik 😉 ran.

Und wenn sie laut vorhandenen Quellen größtenteils in zwei Geschlechter passen, dann sind sie immer noch höchst verschieden. Die Männlichkeit eines Thor ist anders als die Odins, und obwohl Tyr meistens als männlich klassifiziert wird, war er* doch früher mal eine Himmelsgottheit, die sowohl männlich als auch weiblich war. Freyas Weiblichkeit ist eine andere als Sifs und deren Weiblichkeit wiederum anders als die Hels.

c) Damit verbunden: Ich sortiere meine Gottheiten nicht in Männlein-Weiblein-Paaren zusammen. Meistens habe ich mit ihnen als Individuen zu tun.

d) Manche meiner Gottheiten sind gar nicht anthropomorph. Erda z.B. kann ich als Planet vergöttlichen – reicht mir vollkommen (und resultiert in einem Bild, das sich von dem üblichen der Erdmutter ganz heftig unterscheidet).

f) Welche Gottheiten gerade wichtig für mich sind, ist nur in wenigen Fällen von gender bestimmt, viel öfter von der Aufgabe oder dem Lebensbereich, mit der oder dem ich es gerade oder auch dauerhafter zu tun habe. Als Sängerin, Schreibende und Runen-User pflege ich z.B. eine Beziehung zu Odin; Hel ist eine wichtige Partnerin, wenn es um die Arbeit mit meinen Seelentiefen geht; Loki half mir, als ich mich durchmogeln mußte und ist außerdem als Gestaltwandler und genderqueere Person wichtig für mich. In Erda habe ich mich wegen solcher Bilder verliebt. Bei Freya spielt gender dann mal eine Rolle, denn sie ist für mich – unter anderem! – die ultimative femme, deren Weiblichkeit nicht davon abhängt, wen sie in ihr Bett einlädt oder nicht und der ich zutraue, Weiblichkeit zu begehren. Summa summarum kann ich sagen, daß es mir vor allem bei den Gottheiten, von denen sexualisierte Bilder unterwegs sind, wichtig ist, queere Bilder zu entwickeln – queer nicht nur im Sinne von „irgendwo zwischen den Geschlechtern“, sondern auch queer im Sinne homoerotischen Begehrens.

Das wichtigste scheint mir meine Beziehung zu den Gött_innen zu sein: Die bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach devotionaler Vereinigung und der klaren Wahrnehmung von Gottheiten als Gegenüber, mit dem ich interagieren kann.
Aber bruchlose Identifikation? Nein. Wenn es mir wichtig ist, queere Gottheiten zu haben bzw. sie in queeren Gestalten zu sehen, dann so ähnlich, wie es mir auch in menschlicher Gesellschaft leichter fällt, über queer-relevantes zu sprechen, wenn mein Gegenüber auch queer (oder glaubwürdig als Verbündete_r) verortet ist. Und darüber hinaus, weil ich nicht einsehe, hier Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit als Defaultzustand stehen zu lassen.

Eine Gottheit im Ritual anzurufen, bewegt sich für mich immer zwischen einer Einladung, präsent zu sein, und einer Bitte, etwas zu tun – aber (fast) nie strebe ich das an, was Wiccans als „invoziert sein“ bezeichnen. Gottheiten durch mich handeln zu lassen, ist für mich vielleicht im Rahmen von Besessenheit denkbar – und das ist in meinen Augen starker Tobak.

2 Kommentare

  1. Geschrieben am 25. November 2013 um 15:27 | Permalink

    Das finde ich einen ganz großartigen Artikel, meine Liebe. Ich danke dir sehr, dass du das aufgeschrieben hast! <3

  2. irka
    Geschrieben am 25. November 2013 um 17:13 | Permalink

    Weißte, ich bin beeindruckt, dass du das so in Worte fassen kannst. Kann ich nämlich nicht, weil sich meine göttlichen gegenüber wandeln und ich nicht auf einen klar umrissenen Pantheon beschränkt bin. da wären meine slawischen Ahnen glaub ich sauer 😉 Aber ich kann auch nicht gut was dazu kommentieren, weils ein Thema ist, das ich kaum schriftlich fassen kann. Das wäre ein thema für einen mündlichen Austausch irgendwie. Ich muss nachdenken. und Nachfühlen.

    Irka

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