Gelesen: Diana Paxson, Taking Up The Runes

Paxsons Runenbuch ist ein weiteres, das lange auf meinem „zu rezensieren“-Stapel lag. Nun habe ich es gründlich durchgelesen.

„Taking Up the Runes“ betrachtet die Runen als heilige Schriftzeichen, mit denen sehr viel mehr anzufangen ist als nur Divination; die Arbeit mit den Runen ist für Paxson ein spiritueller Weg, der eng mit den germanischen Kulturen verknüpft ist.

Das Futhark, auf das sich Paxson bezieht, ist das Ältere Futhark mit 24 Runen. Andere Runensysteme (das Jüngere Futhark mit 16 Runen, das Angelsächsische Futhorc mit 33 Runen) werden nur beiläufig in der Einleitung erklärt.

Das Buch hat zwei Hauptteile: Der erste gibt Informationen zu den Runen, der zweite besteht aus Ritualskripten.

Der erste Teil – Umfangreiches Runenwissen

Die Kapitel des ersten Teils verbinden – nach einem einleitenden, hauptsächlich organisatorisch-methodischen Abschnitt – je zwei im Älteren Futhark aufeinanderfolgende Runen lose miteinander. Es werden zu jeder Rune Bedeutung und Aussprache zitiert, die Strophen des Angelsächsischen und, so vorhanden, des Altnordischen und des Altisländischen Runengedichts mit Übersetzung präsentiert und mögliche alte Bedeutungen erörtert. Es folgen dann moderne Deutungen aus der esoterischen Runenliteratur – Paxson referiert u.a. Deutungen von Edred Thorsson, Kvedulf Gundarsson, Freya Aswynn, Marijane Osborn, Stella Longland und Tony Willis. Ein Abschnit „Interpreting and Using XY“ widmet sich jeweils der Interpretation und dem magischen Gebrauch der Rune; jeweils zwei Runen werden in einem Abschnitt „Study and Experience“ erörtert – beschrieben werden Themen, die mit dem Symbolinhalt jeweils einer Rune zu tun haben, Paxson gibt Anregungen, wie dieser Symbolinhalt erfahren werden kann und u.U. auch noch weitere Hinweise, wie die Rune eingesetzt werden kann. Auf mich wirkt diese nicht komplett durchgehaltene Paar-Anordnung ein wenig verwirrend; ich hätte hier ein eigenes Kapitel pro Rune strukturierter gefunden. Wahrscheinlich ist diese Anordnung aber der Konzeption als Arbeitsbuch geschuldet, die zwei Runen pro Monat vorsieht (dazu siehe unten).

Den zwölf Runen-Kapiteln schließt sich ein Kapitel namens „Bringing back the Runes“ an, das sich mit der Anwendung der Runen beschäftigt – Divination nimmt hier einen prominenten Stellenwert ein; eine weitere geschilderte Anwendung sind die Anwendung von Runen zur Magie und Runeninschriften. Daß allerdings gerade dieses Kapitel so kurz ausgefallen ist, finde ich fast schade – fast, denn die Erläuterungen bei den einzelnen Runen machen das (beinahe) wett. Und vielleicht sind gerade die Anwendungen ein Gebiet, das schlecht in Buchform zu vermitteln ist, sondern bei dem eher Erfahrung und learning by doing als Weg des Lernens einsetzbar sind.

Der zweite Teil – Runenrituale

Der Ritualteil bietet schließlich 14 ausführliche, detailliert „geskriptete“ Rituale für Gruppen – ein einführendes Ritual, je eines für ein Runenpaar und ein Abschlußritual. Abgesehen davon, daß noch jede Ritualgruppe, mit der ich gearbeitet habe, zu klein war und sich zu unregelmäßig traf, erscheinen mir diese Rituale auch recht theater-förmig und wären mir zu vorstrukturiert. Einmal mehr: das ist auch meinem persönlichen Ritualgeschmack geschuldet, der sich bei derartig detailliert vorstrukturierten Ritualen schnell an langweilige Schulgottesdienste erinnert fühlt.
Ein Bestandteil jedes der Rituale sind Texte für geführte Meditationen, die auch ohne das restliche Ritual verwendet werden können.

Am Schluß des Buches steht noch ein Vorschlag für ein recht aufwendiges Initiationsritual, das ganz explizit ein Ritual für Menschen ist, die schon reichlich Erfahrung mit Trancearbeit, Visionssuchen und/oder asketischen Praktiken haben. Dieses ist in keiner Weise verpflichtend und ganz explizit für diejenigen gedacht, die Runenarbeit als anspruchsvollen spirituellen (Lebens-)Weg beschreiten wollen.

„Taking up the Runes“ als Gruppen-Arbeitsbuch

Eine leitende Idee in Paxsons Buch ist die, dieses Buch als Kursmaterial zu verwenden. Ihr Idealkonzept ist eine Arbeitsgruppe, die sich mindestens einmal monatlich trifft, monatlich ein Kapitel erarbeitet und das dazugehörende Gruppenritual zelebriert. Konsequent durchgehalten, bedeutet das, das komplette Futhark innerhalb eines Jahres durchzuarbeiten. Dem ist wohl auch die Struktur in in zwölf Kapiteln und zwölf Ritualen zu verdanken.

Fragwürdige Traditionen? Leider auch hier!

Zum Thema Rassismus, auftretend in Gestalt der Forderung „Nur Menschen mit genetischer Verbindung zu einer bestimmten Volksgruppe sollen eine bestimmte Form von Spiritualität praktizieren“, bezieht sie eindeutig Stellung:

The runes are an expression of the spirituality of Northern Europe, but the culture in which they are currently flowering is diverse and pluralistic. Just as people of all ethnic origins may be attracted to Native American spirituality or worship the orishas, individuals from many backgrounds are becoming fascinated by the runes. […] The gods look at the colors of our spirits, not of our skins. (S. 3-4)

Leider wird das konterkariert dadurch, daß sie die Praxis der stöður – das Nachstellen von Runenformen mit dem Körper – kritiklos da und dort erörtert bzw. empfiehlt. Diese Praxis geht zurück auf Friedrich Bernhard Marby, der auf der Basis des Armanen-Futhark im Umfeld von ariosophischen Esoterikern arbeitete – seine ‚Runengymnastik‘ hat rassistische Hintergründe und Motive.

Des weiteren referiert sie auch Deutungen von Edred Thorsson aka Stephen Flowers, der mit der Asatru Folk Assembly in Verbindung steht, ohne kritische Distanzierung, ja, empfiehlt sogar seine Runenbücher – Flowers‘ Runendeutungen sind dabei alles andere als über jeden Zweifel erhaben, was ihre mögliche Durchsetzung mit völkischem Gedankengut angeht.

Fazit

Ein umfangreiches Runenbuch, das wertvolle Anregungen geben kann, zugleich aber mit kritischem Verstand gelesen sein will. Eine Haltung des „trau, schau, wem“ ist bei der referierten Literatur und den dargelegten Deutungen angeraten. Wie verwendbar der Ritualteil ist, hängt sehr davon ab, ob es eine Gruppe gibt, die mit diesen Ritual-Vorlagen arbeiten möchte, und die mit dem eher theatralischen Ritualstil etwas anfangen kann.

Bibliographische Angaben
Paxson, Diana L. Taking Up the Runes: A Complete Guide to Using Runes in Spells, Rituals, Divination, and Magic. Red Wheel/Weiser, 2005.

Ein Kommentar

  1. irka
    Geschrieben am 14. Dezember 2013 um 19:12 | Permalink

    danke für deine ausführliche rezension, was bei einem solchen buch wirklich wichtig ist.

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