Tee mit Milch, Teil II: Queer ist mehr als einfach LGBT.

In Teil I habe ich was darüber geschrieben, was dazu geführt hat, daß die Rede von männlichen und weiblichen Anteilen für mich unverdaulich und im spirituellen Kontext untauglich geworden ist. In diesem Teil will ich mich damit befassen, welche Auswirkungen das und meine Erfahrungen von Begehren auf mein Verständnis von queer haben.

queer heißt für mich: Das, was jenseits der heterosexuellen Matrix unterwegs ist; das, was ihre Gültigeit in Frage stellt. LGBT gehört dazu – und doch können sich LGBT-Leute auch affirmativ zur heteronormativen Matrix verhalten, meine ich.

Dazu muß ich zuerst den Begriff der heterosexuellen Matrix erläutern.Ich habe den Begriff in Judith Butlers Buch Gender Trouble1 kennengelernt und verstehe ihn etwa so:

Der Körper einer Person wird als männlich oder weiblich identifiziert;
daraus wird eine Geschlechtsidentität gefolgert (weiblich für einen als weiblich gelesenen Körper, männlich bei einem als männlich gelesenen Körper), und
daraus wiederum wird der Schluß gezogen, welche Menschen diese Person sexuell anziehend findet (weibliche Personen begehren männliche, männliche Personen weibliche.)

Personen, die diese Kontinuität verletzen oder an einer dieser Stellen nicht sauber kategorisiert werden können, irritieren.

Der Knackpunkt, den ein weitverbreitetes Verständnis von Homosexualität übersieht (indem es Homosexualität und transgender in einen Topf wirft), ist: diese Matrix kann an zwei Stellen verletzt werden – und an drei Stellen uneineutig sein. Körper können uneindeutig sein oder erscheinen (nicht nur, aber auch durch Intersexualität, was wiederum nur ein Sammelbegriff für einen ganzen Strauß medizinischer Zustände ist); wenn jemand nicht mit der Geschlechtsidentität leben will, die ihr_ihm bei der Geburt zugewiesen wurde, muß das nicht die der binären Matrix zufolge „andere“ sein; wenn eine Person nicht heterosexuell begehrt, kann das Begehren sich durchaus auf andere und mehr Geschlechter richten als ausschließlich das, dem sich die jeweilige Person zuordnet bzw. dem sie zugeordnet wird.

queer heißt für mich, mit dieser Vielfalt achtsam umzugehen und schrittweise aufzuhören, Mechanismen zu reproduzieren, die nur bestimmte Geschlechtsidentitäten und Begehren gelten lassen.

Denn es sind alltägliche Handlungen, die diese Mechanismen mittragen. Jede Behauptung von „Männer/Frauen sind nun mal…“, jede Unterstellung, eine Lesbe müsse doch bestimmte Künstler_innen kennen oder gut finden, jeder Witz, der Transfrauen ins Lächerliche zieht, trägt heteronormative Strukturen mit – um die banalsten Beispiele zu nennen.

Zur heteronormativen Matrix treten noch andere gesellschaftliche Normkomplexe: etwa der der Paar-Normativität, sprich: ein Konstrukt, das allen Menschen unterstellt, in einer Paarbeziehung leben zu wollen und Paare gegenüber Menschen ohne Paarbeziehungen oder Menschen in nicht-paarförmigen Beziehungen bevorzugt; eine Norm, die unterstellt, Liebesbeziehungen sollten monogam sein; eine Norm, die unterstellt, Menschen sollten überhaupt sexuell aktiv sein und Asexuelle als krank oder seltsam hinstellt.

Salopp gesagt: queer heißt für mich nicht, den Kreis derer, die halt auch irgendwie akzeptabel sind, zu erweitern, aber die Spielregeln für Sexualitäten und Geschlechter gleichzeitig im wesentlichen dieselben lassen.

queer heißt für mich, die Spielregeln, die Geschlechter, Sexualitäten, Begehren reglementieren, zu untersuchen, ihre Geschichte und das, was sie aufrecht erhält, zu erhellen, und mit diesem Wissen die Spielregeln zu verändern, zu subvertieren, Widerstand gegen sie zu leisten; insbesondere heißt queer für mich, die Mechanismen, die zur Privilegierung von bestimmten Geschlechtern und Sexualitäten und zur Marginalisierung von anderen beitragen, zu destabilisieren.

queer heißt für mich, gender und Begehren nicht länger in eins zu setzen. Es heißt für mich, die unterstellten Identitäten und Zusammenhänge in Frage zu stellen. Es heißt, skeptisch gegenüber behaupteten Natürlichkeiten zu sein. Es heißt, eine falsche, Unterschiede zukleisternde Harmoniesoße wegzulassen und Unterschiede wahrzunehmen, ohne sie zu Hindernissen oder Grenzen werden zu lassen und sie anstatt dessen zu echter Bereicherung werden zu lassen.

queer heißt für mich nicht, daß wir jetzt alle androgyn und geschlechtslos werden sollen und uns gefälligst alle Arten von Körpern horny zu machen haben. queer als Anliegen heißt für mich, echte Vielfalt möglich zu machen und der unendlichen Vielfalt von Geschlechtern und Begehren Artikulationsmöglichkeiten und Raum zu schaffen.

  1. Butler, Judith. Das Unbehagen der Geschlechter. 15. Aufl. Suhrkamp Verlag, 1991.

Ein Kommentar

  1. Geschrieben am 1. Oktober 2015 um 11:35 | Permalink

    Das ist so toll geschrieben und spricht mir so aus dem Herzen! <3

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