Eine Positionierung

Letztes Jahr gab es im Magischen Netz eine Diskussion, veranlaßt dadurch, daß Distelfliege die alte Version ihrer Seite gelöscht hatte. Und im Rahmen dieser Diskussion gab es die Aufforderung, doch mal den eigenen Stand zu Dingen wie Feminismus, queer, Rassismuskritik und Kritik an cultural appropriation aufzuschreiben. Was ich hier mal mache.

Für mich sieht das so aus, daß mir in den letzten Jahren queer_feministische Diskurse viel gegeben haben und ich die Denkweisen, die ich daraus lernte, als ermächtigend und hilfreich erlebe. Und ich will keine queer_feministische Position vertreten, die sich gegen diskriminierte Positionen ausspielen läßt, sondern eine, die anerkennt, daß kein Kampf isoliert stattfindet. Zwar bekomme ich das Thema „Antirassismus“ nahezu ausschließlich vermittelt über feministische Diskurse mit und habe mich noch nicht selbst aktiv damit beschäftigt (wie in: mal wenigstens ein Buch gelesen oder so), aber das kann (soll!) noch kommen. Und auch Betroffenen von noch anderen Machtverhältnissen gegenüber will ich mich taktvoll und solidarisch verhalten. Nicht nur, weil ich selbst von mehr als einem betroffen bin, sondern weil ich glaube, daß das die Welt schöner und ein wirklich gleichberechtigtes Miteinander erst möglich macht.

Mir sind im Lauf meiner „heidnischen Karriere“ diverse Dinge unverdaulich geworden: sowohl eine gynozentrische Spiritualität, die sich munter an Göttinnen aus allen denkbaren Kulturen bedient und die fleißig alle genderqueerness außen vor hält, als auch ein Verständnis von Hexenkult, das aus seinem binär-komplementär gedachten Geschlechterkonzept nicht heraus will; aber auch ein rekonstruktionistisches Heidentum, das strukturell christlichen Formen und Paradigmen verhaftet bleibt (erst recht, wenn es unpolitisch sein will und so tut, als habe es nichts mit dem restlichen Leben zu tun – sorry, ist für mich zwecklos).

Mir fällt auch in letzter Zeit vermehrt auf, wie unbedacht immer noch – teilweise in Publikationen von Leuten, die sich als nicht rassistisch verorten – Dinge reproduziert werden, die von rassistischen Vordenkern Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts in die Esoterik geschmissen wurden und seither so tradiert wurden und werden, Stichwort: „Runenyoga“ bzw. altnordisierend stöður.

Ich habe noch keine abschließende Position zum Thema cultural appropriation, außer: Daß ich sie nicht weiter mittragen will. Was cultural appropriation nun eigentlich ist und welche Denk- und Redefiguren in heidnischen Diskursen sie stützen, was ein Lernen von anderen Kulturen ausmacht, das (post)kolonialistische oder kapitalistische Ausbeutung nicht unterstützt, wenn das denn überhaupt möglich ist: darüber wäre mal zu reden.

Was daraus resultiert

Ich will Heidentum, ja: aber eins, das auf der Höhe der Zeit ist und kompatibel mit aktuellen Debatten. Ich will ein Heidentum, das sich nicht in einer romantisierten Naturvorstellung, Antirationalismus, im schlimmsten Fall Technik- und Wissenschaftsfeindlichkeit verschanzt. Ich will eine heidnische Spiritualität, die im 21. Jahrhundert funktioniert. Ich will ein Heidentum, das sich auf seinen Hosenboden setzt und die Quellen seines Wissens reflektiert und transparent macht (und da fasse ich mir selbst auch an die Nase).

Ich will eine gelebte heidnische Spiritualität, die aktiv ihre Barrieren gegenüber nicht-normativen, marginalisierten Menschen verringert; sei es, indem sie ihre Geschlechtervorstellungen revidiert, sei es, indem heidnische Gruppen sich an barrierearmen Orten treffen, sei es, indem sie hinterfragt, ob ihre Interaktion mit Kulturen, die von kolonialistischer Ausbeutung betroffen sind, sowie mit dem globalen Süden von Respekt zeugt und solidarisch ist oder ob sie Ausbeutung perpetuiert.

3 Kommentare

  1. Geschrieben am 22. Januar 2014 um 05:35 | Permalink

    Großartig zusammengefasst – volle Zustimmung!

    Martin

  2. Geschrieben am 22. Januar 2014 um 09:16 | Permalink

    Großartig, d’accord!

  3. Cornelia
    Geschrieben am 23. Januar 2014 um 01:05 | Permalink

    nick Grandios geschrieben!

    „…was ein Lernen von anderen Kulturen ausmacht, das (post)kolonialistische oder kapitalistische Ausbeutung nicht unterstützt, wenn das denn überhaupt möglich ist: darüber wäre mal zu reden.“

    Genau das beschäft mich derzeit auch ein wenig und ich würde gerne darüber reden. Las letztens das Buch „Jambalaya“ der Vodou-Priesterin und Afroamerikanerin Luisa Teish und bin noch ziemlich geflasht davon. Besonders beeindruckt hat mich das Pragmatisch-Bodenständige, wie die Leute aus der puren Notwendigkeit heraus Synkretismen schufen und völlig normal damit umgehen, auch völlig normal damit, inmitten einer städtischen Zivilisation im (da noch) 20. Jahrhundert zu leben.

    Die beschriebenen Rituale – um vieles authentischer wirkend, als so manches, was ich in so mancher Heidinnenliteratur schon las (welche allzuoft weißem Mittelstand entammt, so btw.). Ich bin berührt und inspiriert und denke mir: Mensch, in aller Schönheit, da können wir noch so viel von lernen! …. Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wär…

    Bin an solchen Stellen höchst unsicher. Selbst als Asatru-Dame, die nicht vorhat, wahllos irgendwelche Göttinnen zu „adoptieren“, sondern eher in Richtung „sich inspirieren“ lassen denkt, gerade was so Themen wie Ahninnenverehrung und Mythentradierung angeht (Teish hat z.B. keine Probleme damit, Mythen weiterzuspinnen oder völlig neue zu erzählen, wenn ich sie richtig gelesen habe). Auch die vergleichsweise extrovertierte gezeigte Emotionalität in Ritualen weiß in meinem Naturell so manche Saite anzuschlagen.

    Was kann ich, was darf ich und wie zeig ich den gebührenden Respekt? Dass, mir unproblematisch und selbstverständlich erscheinende Denk- und Verhaltensweisen, alles andere als dies sein müssen, und das wohlgemerkt ohne sich dessen bewusst zu sein, das macht mir Unsicherheit. Schließlich möchte ich niemanden entehren, herabsetzen, benutzen, ausbeuten oder anderweitig nicht so behandeln, wie ich auch behandelt werden will.

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