Feministische Spiritualität, Göttinnenspiritualität, Frauenspiritalität: Wo ist sie geblieben?

Dieser Artikel sollte ursprünglich ein Kommentar zu einem Artikel von Anufa im Wurzelwerk werden.

Tenor von Anufas Artikel war, daß die Rubrik Weibercraft im WuWe brachliegt und sie sich fragt, ob einfach kein Interesse mehr besteht, aber gleichzeitig beobachtet, daß es Göttinnenkonferenzen etc. nach wie vor gibt.

Da er ziemlich lang wurde, poste ich ihn hier – das ist mein Senf zu besagtem Artikel aus meiner queerfeministischen/polytheistisch-animistischen Sichtweise:

Ich habe Ende 2012 mal im altgedienten Lesbenarchiv Spinnboden in Berlin recherchiert. Da stellte ich etwas fest: Die meisten Bücher im Bestand waren aus den 80ern. Wenige Anfang der 90er und später erschienen. Manche dieser Bücher blätterte ich durch und hatte den Eindruck: Die sind progressiver als vieles, was heute als „göttinnenspirituell“ vermarktet wird.

Das bestätigte einen Eindruck, den Distelfliege hier einmal wunderbar formuliert hat:

Mein Eindruck ist es, dass die moderne Hexenszene und die naturspirituelle Szene und die Frauenspiri-Szene insofern rückständig sind (und vielleicht auch schon vor Jahren den Anschluss an aktuelle feministische Diskussionen verloren haben), dass kaum irgendwo erkennbar ist, dass sich eine Gruppe mit dieser Frage [nach Inklusion von trans*Personen, thursa] auseinandergesetzt hat. Es ist auch kaum zu verzeichnen, jedenfalls dort wo ich so mich umtue, dass in der Spiri-Frauen-Szene eine ähnliche Bereicherung durch vielfältigste Entwürfe und Politiken von Queer-Seite stattfand wie in der feministischen Ecke.

Ein Eindruck, den ich nach ein paar Jahren in Göttinnenspiri-Kreisen samt einem für mich welterschütternden Konflikt nur teilen konnte. Inzwischen habe ich mich zurückgezogen in ein nicht ganz mainstreamiges Asatrú, und ich habe wunderbare Rituale mit zwei kleinen queeren 1 Ritualkreisen gefeiert.

Ist meine Spiritualität noch göttinnenspirituell, wie ich sie am Anfang mal verstand, irgendwann Mitte der Neunziger? Nein. Denn dazu hat sich das Geschlecht meiner Gottheiten und spirits einfach zu sehr vervielfältigt. Über diese Vielfalt kam ich dazu, dezidierte Polytheistin zu werden. Männliche und/oder genderqueere Entitäten sind durchaus wichtig für mich, und meistens spielt Geschlecht eine untergeordnete Rolle für mich.

Ist meine Spiritualität „weiblich“? Nein. Auch nicht mehr. So sehr ich mir für mich dieses Konstrukt „Weiblichkeit“ nehme und es auf eine Weise lebe, die für mich stimmig und empowernd ist, so sehr ist meine Spiritualität zu etwas geworden, auf dem das Ettikett „weiblich“ nicht mehr paßt. Sie ist inzwischen halt meine und eine zutiefst unregulierbare, und Geschlechtsspezifik paßt da einfach nicht.

Wenn ich heute meine knappe Zeit zum Schreiben über Spirituelles nutze, dann schreibe ich nicht über „weibliche Spiritualität“, sondern bevorzugt über queere Spiritualität. Das mag vielleicht noch weniger Menschen interessieren, aber ich sehe einen viel dramatischeren Mangel, und der betrifft mich ganz direkt – genau wie so manche queere Person, mit der ich gesprochen habe, die_der das Heidentum & Hexentum, das sie_er vorfand, als unerträglich reaktionär in puncto Geschlechterbilder und Sexualitäten empfand.

Daß die Frauenspiritualität, die es früher mal gab, nicht mehr da ist: Ich weiß nicht, ob eins das so behaupten kann. Sicher hat sie sich verändert. Ich frage mich nur, in welche Richtung; offensichtlich scheint mir nur, daß mein Weg heute ein anderer ist. Ob mir weibliche Spiritualität wichtig wäre? Ich finde durchaus wichtig, daß es spirituelles Empowerment für Frauen* gibt. Meine Baustelle ist jedoch eine andere.

Und genau wie ich heute woanders bin und andere Anliegen habe als vor 20 Jahren oder auch nur vor 10 Jahren, so sind heute auch ein paar Protagonist_innen von damals woanders, weil sie sich mit ein paar Dingen befaßt haben. Sei es, daß ihre Spiritualität in Aktivismus aufgegangen ist, sei es ein Rückzug ins Persönliche – oder sei es, daß sie (wie ich auch) heute nicht mehr göttinnenspirituell unterwegs sind, sondern in anderen heidnischen Kreisen unterwegs sind. Wenn z.B. im Asatrú, das ich kenne und praktiziere, weibliche* Blickwinkel und weibliche* Präsenz inzwischen selbstverständlich sind, dann freut mich das. Und irgendwann (hoffentlich bald) gilt das auch für queere, nicht-weiße und behinderte Menschen.

Wege werden weitergegangen. Die Fragen, die ich gerne zum Thema „Weibliche Spiritualität“ und feministische Spiritualität stellen würde, sind keineswegs neu: Was heißt hier eigentlich „weiblich“? Welche Normen werden mit diesem Begriff aufgerufen, welche Erfahrungen unterstellt? Die „gemeinsame Erfahrung aller Frauen“ hat sich spätestens Ende der 80er als Phantom herausgestellt (vgl. Butlers „Gender Trouble“) – wie kann eine heutige feministische Spiritualität damit umgehen? Wer darf in einem Frauen*kreis mitmachen – die Transfrau, die gerade erst angefangen hat, sich als Frau zu begreifen? Der Post-OP-Transmann? Die Person, die sich als genderqueer, agender und/oder nonbinary trans* versteht? Muß feministische Spiritualität sich vorrangig mit weiblichen* Gottheiten befassen? Wessen Erfahrungen wird eigentlich Raum und Zeit gewidmet, welche Erfahrungen sind „diskussionswürdig“? Wem wird zugehört und geglaubt, wessen Stimme wird als wichtig angesehen? Wer dominiert das Bild?

Last not least: Was macht feministische Spiritualität feministisch?

  1. Wenn ich queer sage, dann meine ich eine Haltung, die von einem grundsätzlichen Konstruktcharakter von Geschlecht und sexueller Orientierung ausgeht und das Ziel verfolgt, die Spielregeln, die dazu führen, daß Geschlecht und sexuelle Orientierung heute so und nicht anders konstruiert werden, zu subvertieren.

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