Heidnische Praxis VII: Das Rad neu erfinden.

Ich schrieb die letzten Tage recht intensiv an meinem Buchprojekt. Im Moment bin ich in einer Phase der Textproduktion unter Ausschaltung von Selbstkritik – die wird dann ausführlich zu Wort kommen, wenn ich das Material mit Quellen unterfüttere und rausschmeiße, was mir zu unsubstantiiert vorkommt.

Ich fühle mich ein bißchen, als würde ich das Rad neu erfinden. Mein Ansatz geht im Moment zu „Schreib das Einsteigerbuch, das du gern hättest, würdest du heute über Heidentum stolpern“ mit der Absicht, daß es ein Buch sein soll, das eine Praxis vorstellt, die ohne Heteronormativität klarkommt – nicht explizit „für queers“, sondern, soweit mir das möglich ist, einfach so, daß sie nicht von vornherein ausgeschlossen werden und mit zahlreichen Otherings und Mikroaggressionen vergrault werden. (Ich danke Teile des Ganzen für die Anregungen, die mich zu dieser Formulierung gebracht haben.)

Was die Ebene von (in Ermangelung eines besseren Begriffs) „Glaubensvorstellungen“ angeht – sprich Komponenten heidnischer Weltbilder, wie sie mir bisher begegnet sind – komme ich recht gut voran. Doch: Ich würde gerne praktische Anleitungen geben – gestalte Dein erstes Ritual, den ersten Zauber, das erste Opferritual – und stolpere dabei darüber, daß so wenig in meiner Praxis festgelegt und greifbar ist.

So viel ist spontan, intuitiv, gefühlt (was ich an sich auch gut finde) – und tatsächlich möchte ich diese Ebene von Erfahrung, Handeln und Intuition in meiner Praxis derzeit ausbauen, wissend, daß ich zu anderen Zeiten wohl auch wieder den Schwerpunkt auf Wissen und Arbeit mit den Quellen legen werde. Meine Praxis hat derzeit, abgesehen von meinen sehr strukturierten persönlichen Trance-Übungen, mehr von Free Jazz als vom Aufführen einer klassischen Partitur.

Das ist sicherlich begünstigt durch meinen semi-solitary-Status. Zum einen macht mich der Mangel an einer festen lokalen Gruppe, mit der ich öfter als alle paar Monate mal was Spirituelles mache, „faul“ in dem Sinne, daß ich wenige und wenn, dann sehr kleine Sachen mache, die in ihrem Gestus vollkommen unspektakulär sind. Zum anderen bildet sich da auch kaum das, was ich „rituelle Sprache“ nenne, also ein Repertoire von Gesten und Handlungen, die in einem rituellen Kontext eine spezifisch und festgelegte Bedeutung besitzen – oder wenn ich sie habe, dann ist sie so tief in meinen Alltag integriert und mir so selbstverständlich geworden, daß sie mir nicht bewußt ist. Im Prinzip ist das gar keine falsche Sache. Nur beschreibbar oder beobachtbar ist diese Art von Praxis eben kaum, erst recht nicht zu Anleitungen kristallisierbar.

Nun gibt es „rituelle Sprachen“ im Wicca und in anderen hexischen Traditionen, teilweise in sehr festgelegter und differenzierter Form. (Sie sind jedoch nicht meine, weil ihnen z.B. in den Bildern vom Göttlichen Vorstellungen von Geschlechtern inhärent sind, die mich ausschließen.) In einigen Asatrú-Büchern habe ich ebenfalls Ansätze einer solchen Sprache gefunden – aber die dort beschriebene Praxis ist, mehr noch als Hexentum, fast ausschließlich eine Gemeinschaftspraxis.

Und wenn ich jetzt zurückkomme auf mein Buch, dann ist das, was ich lange Jahre gern gehabt hätte, eine Anleitung für solitaries – so brennend mein Wunsch nach einer gemeinsamen Praxis war und ist, das Thema „Gruppen finden_aufbauen_organisieren_zusammenhalten“ war_ist eine Dauerbaustelle, auf der es zeitweise befriedigend bis wunderbar zuging, dann aber wieder gar nichts lief, und manchmal wollte ich eben auch ohne eine Gruppe spirituelle Sachen machen (und habe sie auch getan – dank einem langjährigen Patchwork) oder es gab Sachen, die ich mit bestehenden Gruppen nicht tun konnte.

Und ich verwette meinen Allerwertesten darauf, daß es nicht nur mir so geht.

Ein Trackback

  1. Von Befindlichkeitsupdate. – ryuus Hort am 4. Mai 2014 um 15:04

    […] machen will, und gerate dabei an ein paar wunde Punkte. Unter anderem mein Gefühl, permanent das Rad neu zu erfinden. Es regt sich auch recht stark der Wunsch nach einer gemeinsamen Praxis mit anderen vor Ort. (Die […]

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