Heidnische Praxis IX: Was heißt hier devotional?

In den letzten Monaten hat sich was an meiner Praxis geändert. Die Veränderung kam langsam, fast unbemerkt; aber spätestens seit dem Sommer hat sich etwas bewegt.

Begegne ich anderen Heid_innen, vor allem Asatrú, die Heidentum mehr als ich von überlieferten Quellen her angehen, merke ich, wie intensiv gerade mein Begehren nach intuitiven, emotionalen, experimentellen Zugängen ist. Ich mache mich keine Sorgen, daß darüber das Intellektuelle, die historische Korrektheit verloren gehen könnte; ich weiß, wie stark meine intellektuelle Seite ist. Und durch das Schreiben an meinem Buchprojekt ist sie auch gerade gefordert.

Wenn ich Texte von devotionalen Polytheist_innen lese, berührt mich was: Das will was von mir. Da ist was, das mit mir zu tun hat. Daß ich (zumindest für alle praktischen Belange, d.h. denen, die meine spirituelle Praxis bestimmen) ‚harte‘ Polytheistin bin, sprich: Gottheiten als eigenständige Persönlichkeiten mit einem jeweils eigenen Willen betrachte, die unabhängig von Menschen existieren, und der Aussage „Alle Göttinnen sind eine Göttin, alle Götter sind ein Gott“ nicht zustimme, ist ja nichts Neues. Das Bedürfnis, über konkrete Anliegen hinaus persönliche Beziehungen zu Gottheiten aufzunehmen und eine Praxis aufzubauen, die diese Beziehungen spiegelt – bzw. diese in meinen Alltag zu integrieren – ist mir in dieser Intensität jedoch neu.

Was heißt hier überhaupt „devotional“? Wortwörtlich kommt das von Devotion, Hingabe. Meine behelfsmäßige Definition ist: Ein Verhalten gegenüber einer oder mehreren Gottheiten, das über „do ut des“1 hinausgeht, das eine große emotionale Nähe zu der_den Gottheiten anstrebt oder verwirklicht und das mit recht regelmäßigen Kulthandlungen – etwa täglichen Gebeten – einhergeht; oft auch mit einer Bereitschaft, die Gottheit_en Einfluß auf das alltägliche Leben nehmen zu lassen.

Anders als viele dieser Polytheist_innen, die z.B. in „Northern Tradition for the Solitary Practitioner“2 Auskunft geben, habe ich (noch) keine Gottheit, die ich als fulltrui bezeichnen würde. Meine offene Frage ist darum: Wie setze ich diese devotionale Praxis um, wenn (noch) keine einzelne Gottheit im Fokus dieser Hingabe steht? Derzeit ist meine Strategie, mich jeweils eine Zeitlang intensiver mit je einer Gottheit zu befassen, die bislang noch nicht im Zentrum meiner Aufmerksamkeit stand und sie_ihn etwas besser kennenzulernen; durch kreative Mittel (z.B. durch das Schreiben von Liedern, Gedichten oder Gebeten), aber auch durch Lesen und Recherchieren, und vielleicht sogar durch Schamanisieren. Wer weiß, welche Methoden mir noch einfallen!

Was diese neu erwachte Lust auch fördert, sind Dinge, die vielen wohl als „zu christlich“ suspekt sind, etwa Gebete. Da will so etwas entstehen, was beinahe wie Frömmigkeit aussehen könnte. Vielleicht kann ich mich glücklich schätzen, daß ich nie wirklich ins Christentum hineinsozialisiert wurde – und wenn diese neuen Elemente in meinem heidnischen Tun etwas an meinen emanzipatorischen Standpunkten ändern, dürft Ihr mich gerne fragen, wer ich bin und was ich mit thursa angestellt habe 🙂

  1. „Ich gebe, damit du gibst“
  2. Krasskova, Galina; Kaldera, Raven: **Northern Tradition for the Solitary Practitioner**: A Book of Prayer, Devotional Practice, and the Nine Worlds of Spirit: A Book of Prayer, Devotional Practice, and the Nine Worlds of the Spirit. Auflage: 1 Original. Franklin Lakes, NJ: Career Pr, 2009.

2 Kommentare

  1. Geschrieben am 10. September 2014 um 11:52 | Permalink

    Hu Thursa,

    ich muss eingestehen, dass mich devotionale Polytheist_innen etwas irritieren, oder, genauer gesagt, dass ich ihre Gedankengänge und ihre Gefühle nicht korrekt nachvollziehen kann – womit ich meine, dass das, was ich denke, was sie denken, nicht das ist, was sie wirklich denken.

    Anders gesagt: Ich „ticke“ völlig anders. Ich will nicht ins konkrete Detail gehen, aber mir unterlaufen anscheinend Fehlschlüsse, die jenen ähneln, die den „Weißen“, männlichen, christlich geprägten und auf „Zweckrationalität“ gebürsteten, nicht selten uneingestanden rasstischen und oft kolonialistisch denkenden Ethnologen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bei Studium von „Naturreligionen“ unterliefen. (Beispiel: „Schamanen sind meistens verrückt und immer Betrüger / Scharlatane.“ Eine Einschätzung, die, bezogen auf „Neoschamanismus“, heute z. B. noch auf „Psiram“ zu finden ist – und, wie ich vermute, nur aufgrund von „political correctness“ und der selbstauferlegten religiösen Neutralität, den „echten“ Schamanismus indigener Kulturen von dieser Einschätzung ausnimmt. Ich wähle dieses Beispiel, weil ich diese spezielle Fehleinschätzung nicht habe – andere wohl schon.)

    Aus meiner Sicht „stehen“ die Götter für etwas, was ich mir, mit meinen begrenzten menschlichen Verstand gar nicht vorstellen kann, aber existiert. So, wie ich Mythen als Erzählungen von etwas nenne, was sich nicht wirklich erklären und nur unzureichend begreifen, auf jeden Fall nicht vorstellen, lässt. (In diesem Sinne ist z. B. der „Urknall“ ein Mythos.)

    Zu Fehlsclhlüssen und Fehleinschätzungen neige ich, weil ich einerseits deutlich pantheistisch bzw. (auch) deistisch geprägt bin, und zudem nicht nur im Grunde „Vernünftgläubig“ genannt werden kann (Logozentrismus). Es ist für mich ein ähnliche intellektueller Klimmzug, mir „meine“ Großen als reale Personen vorzustellen, wie der, mir den allmächtigen, allgütigen usw. Eingott der monotheistischen Religionen vorzustellen. (Was Monotheisten meines Erachtens selbst gar nicht tun – das „Bildverbot“ der jüdischen Bibel lese ich als „jede Gottesbild, dass sich Menschen machen, ist notwendigerweise falsch und daher zu unterlassen“. Rein intellektuel bewundere ich die abstrakte Religiösität des rabbinischen Judentums und auch einiger moderner Strömungen des evangelischen Christentums im hohen Maße – allein: sie ist nicht „mein Ding“. Aber ich schweife ab.)

    Der naheliegende Ausweg ist, wie so oft, auf ein eigenes (Vor-)Urteil zu verzichten, und erst mal jenen zuzuhören, die ich nicht verstehe.

    Soviel erst mal aus meiner Sicht dazu,

    MartinM

  2. Geschrieben am 10. September 2014 um 22:28 | Permalink

    Hallo Martin!

    Danke für diesen langen Kommentar, ich krieg’s gerade nicht hin, darauf angemessen zu antworten 🙂

    Jedenfalls: Solange wir über dieses verschiedene „Ticken“ ausreichend kommunizieren können, glaube ich, können sich genau diese verschiedenen Sichtweisen zu einem guten Ganzen ergänzen. Das Unerklärbare, bisweilen Irritierende scheint bei eher mystischen Praktiken dagegen oft dazuzugehören (ganz subjektiver Eindruck).

    LG thursa

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