Okt 18, 03:24
Category  

Beinahe glaub ich ja, meine derzeitige Lektüre tut mir nicht gut. Es handelt sich da um das Buch, das ich hier erwähnt habe.
Nur soviel: Der Eindruck bestätigt sich – die femme, die femmes begehrt, wird zwar – mein Eindruck: mehr pro forma – erwähnt, aber diskutiert und beispielhaft wird doch immer nur die femme, die ihren Widerpart in der butch findet.

Für mich stellen sich da gleich mehrere Fragen an mich persönlich – die mich mal wieder mit meinen widrigen Gefühlen gegenüber der Szene ringen lassen.

Eine kurze Chronologie: Wie ich die Entwicklung der Szene wahrnahm

Als ich 1998 das erste Mal mit der Berliner Lesbenszene in Berührung kam, war die androgyne bis maskuline Lesbe das ganz beherrschende Bild. Ich hatte damals aber schon einen sehr eigenen, eindeutig femininen und von der Gothicszene geprägten Stil. Nicht, daß das meine Fähigkeiten und Interessen auf das stereotyp Feminine beschränkt hätte; das schien mir selbstverständlich und ich hatte andere “Baustellen”, ich kämpfte nämlich damit, daß ich als (zu) Feminine in der Szene entweder vollkommen ignoriert oder seltsam angesehen wurde. (Ebenfalls feminine Freundinnen von mir wurden, allerdings in nicht ganz so urbanen Gegenden, sogar von lesbischen Parties komplimentiert.) Daß ich mit all den androgynen Frauen wenig anfangen konnte, da mein Begehren schon immer auf eher feminine Reize angesprungen ist, steht noch einmal auf einem anderen Blatt.

The L-Word und die Folgen

Ab etwa 2004 wurde The L-Word in Deutschland rezipiert (es war in lesbischen Kreisen schon längst Kult, bevor es im deutschen Fernsehen lief). Und auf einmal war Feminität salonfähig: aber was für eine! Was sich da auf einmal in den Clubs zeigte, war der ganzkörperenthaarte lesbische Handtaschenhalter. Auch in Foren wie Lesarion, hatte ich den Eindruck, feierte die “ich bin doch lesbisch, weil ich Frauen liebe und keine Frauen, die so tun, als wären sie Männer”-Position fröhliche Urständ.
Nun fühlte ich mich politisch absolut unkorrekt und zwischen allen Stühlen. Meine Libido sprang auf äußerlich “feminine” Frauen an, und ich hätte mit Klauen und Zähnen mein Recht auf lange Haare, Mascara und (wenn ich das gerade wollte) enthaarte Beine verteidigt, aber genauso wußte ich um meine Fähigkeit, eine Festplatte in einem Computer zu schrauben, mein Fahrrad zu reparieren und meine Lust daran, im Dojo satte Fußtritte auf die Pratze zu knallen. Und obwohl ich also zum Teil (vor allem im Nachtleben, aber bisweilen auch im Alltag) äußerlich eine Feminität lebte, die der der “L-Word-Generation” zum Verwechseln ähnlich sehen konnte (sie war insofern anders, als sie wesentlich von gothic geprägt war), wehrte ich mich dagegen, daß sie auf einmal als bestimmend für mein ganzes Wesen angesehen werden sollte und wollte auch eigentlich den Backlash, den manche darin sahen, nicht mittragen. Daß ich allerdings mein “Beuteschema” und mein Bedürfnis, meiner Gender-Identität einen bestimmten Ausdruck (und eben keinen anderen) zu verleihen, nicht einfach ändern konnte, wußte ich schon lange vorher.

Identität…

Überdies war die Wahrnehmung von mir als “feminin” (und zwar ausschließlich feminin) für mich überhaupt nicht korrekt, aber erst mit der “Salonfähigkeit” einer hegemonialen Feminität wurde mir bewußt, was in dieser Bezeichung alles “hinten runter fiel”, nicht beachtet, nicht gesehen wurde, weil: nicht ins Schema passend.
Es war dies die Zeit, wo ich mich so zerrissen fühlte, daß ich es als unglaublich heilsam erlebte, mich ganz aus der schwullesbischen Szene zurückzuziehen. In nicht-queeren Zusammenhängen erlebte ich, wie heilsam es sein konnte, als ganzer Mensch geachtet und wahrgenommen zu werden, wie entspannend es sein konnte, wenn nicht an jedem Gegenstand, den ich in die Hand nahm, eine maskuline oder feminine Zuordnung hing. Ich emfpand es als sehr angenehm, daß keine Geschlechterunterschiede gemacht wurden, daß mir im Kendo-Dojo dasselbe abverlangt wurde wie den Männern, daß ich auf dieselbe Weise vom sensei getriezt wurde bis zum Umfallen, daß ich dieselbe Achtung bekam, wenn ein Übungspartner bei mir abgrüßte. Ich empfand es auch als bitter notwendig, meine maskulinen Anteile, die sich wie Kellerkinder fühlten, mit Achtung und Aufmerksamkeit zu versorgen. Zugleich besann ich mich aber auch darauf, daß auch ich einmal Judith Butler gelesen hatte, und fragte mich: Ja, warum sollte eigentlich mein markerschütterndes Ki-ai etwas inhärent Männliches sein? War am Sticken irgendetwas außer kultureller Konvention inhärent weiblich?
“Feminin” oder “femme”: Das waren auf einmal viel zu einseitige Begriffe, die viel zu viel ausblendeten. Und darum verweigere ich mich ihnen.

Dazu kam, daß mir auf einmal bewußt wurde: Nicht nur die Spannung zwischen lesbisch und gothic (was ich bisher als meine subkulturelle, kulturell-ästhetische Heimat erlebt hatte) strapazierte mich, es gab ja noch mehr Mosaiksteine in meinem Identitätspuzzle, die mich prägten. Ob das nun meine Liebe zur Kampfkunst war, meine Tätigkeit als werdende Geisteswissenschaftlerin, als eine, die professionell mit Musik befaßt war, als Heidin, als Fantasy-Fan, P&P-Rollenspielerin und LARPie, oder auch meine politischen Überzeugungen, meine regionale Herkunft, meine Liebe zu Bergen und zum Draußensein, meine Freude an textilen Handwerken – ich begann, das, was mich ausmachte, als unglaublich vielschichtig zu erleben.
Und ich war auf einmal, mit meiner ganzen Komplexität und meinem ganzen Reichtum, zu einer geworden, die nicht zu benennen war. Welcher Begriff auch immer, er traf immer nur teilweise.

… und Begehren, oder: Warum kratzt mich das immer noch?

Es wäre nun kein Problem, mit dieser Vielschichtigkeit, die eben nicht in handliche Begriffe paßt, zu leben, wenn ich nicht einen Druck empfinden würde, “zu begreifen” – oder wissenschaftlich: intelligibel – zu sein.
Das bin ich in den Kontexten, wo ich mich von meinen Interessen her bewege – wo meist auch der Rest meiner selbst auf Interesse und Verstehen stößt; vielleicht nicht immer alles, aber so doch ein großer Teil. So ist etwa in meinen heidnischen Kreisen mein Interesse an bestimmten Aspekten der japanischen Kultur nichts Obskures. Ich fühle mich dort, mehr noch als in der Berliner Kendo-Familie, als ganzer Mensch willkommen, ausdrücklich auch mit meinem Lesbischsein.
Das bleibt solange unproblematisch, wie ich nicht auf der Suche nach einer Partnerschaft oder auch nur sexuellen Kontakten bin, denn dann muß ich mich in der einen oder anderen Form abermals mit der queeren Community auseinandersetzen, und sei es auch nur an den Rändern, wo ich vermute, daß diejenigen, die für mich interessant wären, sein könnten.
Und dann, so habe ich den Eindruck, bin ich wieder drin im Spiel: Wer sieht mich wie, und was bleibt außen vor? Kann ich bestimmte mir wichtige Aspekte zeigen? Und vor allem: wie benenne ich das, was ich begehre, wie signalisiere ich, was ich will, wie finden die Passende(n) und ich zusammen? Denn sowohl in der “maskulin-feminin”-Denke als auch noch drastischer in der butch-femme-Dynamik liege ich als – mangels besseren Begriffen bezeichne ich mich jetzt einmal so – als femme, die andere femmes begehrt, que(e)r – beinahe genauso sehr wie in der heterosexuellen Kultur, wo meine begehrlichen Blicke sich stets auf die richten, die mich qua Geschlecht nicht wollen und ich das Begehren derer auf mich ziehe, die ich qua Geschlecht nicht will.

Zu meinen Versuchen, außerhalb der queeren Szene “auf Brautschau” zu gehen, zu meinen Erfahrungen mit bi- und heterosexuellen Frauen und den grundsätzlichen Problematiken darin: ein andermal.

Mit der akademischen queerness habe ich auch noch ein Hühnchen zu rupfen, aber das in einem anderen Artikel. Aber, liebe Leser_innen: Jetzt hätte ich gern Eure Gedanken zu meinen Dilemmata!

Kommentare

Jun 26, 22:48
Category  

Die Ereignisse der letzten Wochen haben mich wieder stärker politisiert, vor allem die Zensursula-Geschichte. Da war zwischendrin auch der Gedanke, einer jungen Partei beizutreten und dort mitzugestalten, vor allem, was das Thema gender angeht. Und dann las ich bei denen im Wiki doch so einige total ignorante Aussagen, wo meine Lust, mitzumachen, sofort erlosch.
Gegen wie viele Windmühlen soll ich noch ankämpfen?, so etwa schien mein Gefühl zu fragen. Ich habe zwei Jobs, einer mehr fürs Brot und einer für den Spaß. Ich bin künstlerisch aktiv und betrachte das als eine Gabe, die gepflegt sein will. Und ich habe einen heiligen Eid geschworen für etwas, das als Nebenwiderspruch erscheint: nämlich mich dafür einzusetzen, daß queers in heidnischen Zusammenhängen ihren Platz haben, ihre Räume finden, mehr noch: daß sie sich selbst von überkommenen Klischees lösen (wie: weibliche Spiritualität darf nur mit Göttinnen zu tun haben) und daß ihre Bedürfnisse einen ganz selbstverständlichen Platz bekommen.
Mir ist dieses Thema wichtig. Ich denke, die Gleichberechtigung von queers kann nicht nur auf politischem Feld erkämpft werden, sie muß auch in unserer Kultur eine Selbstverständlichkeit werden. Und da ist das Spirituelle ein Teil. Ein Teil, wo ich mich kompetent und berufen fühle, was zu tun.
Zeit, endlich rauszukommen damit: Ich arbeite an einem Buch zu diesem Thema. Das ist gerade in einer Phase, wo die Arbeit nicht so schnell vorangeht, wo die Saat ausgebracht ist und das Feld nicht gestört werden will.

Heute abend sagte ich mir: kein Grund, schon im Kopf eine flammende Parteitagsrede vorzubereiten, und wenn ich A tue, muß das nicht immer heißen, daß ich B lassen. Nur bekomme ich gerade so einige Lektionen im Auf-meine-Kräfte-aufpassen. Und es ist Zeit, daß ich die ernst nehme.

Kommentare [2]

Next