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Was verstehe ich eigentlich unter rassismuskritischem Heidentum?

Die Ereignisse vom 6. Januar in Washington, DC haben auch Heid_innen zu Statements veranlasst, hauptsächlich, weil ein prominenter Teilnehmer sehr auffällige germanische Symbole trug. Für mich waren diese Statements (bzw. teilweise auch mein Ungenügen daran) ein Anlass, noch einmal darüber nachzudenken: Was macht für mich eigentlich rassismuskritisches bzw. antirassistisches Heidentum aus? Nun hatte ich ein paar geschäftige Wochen in der Zwischenzeit, aber das Thema war mir zu wichtig, um meine Gedanken nicht in einen Blogpost zu gießen.

Minimalvoraussetzung war für mich schon immer: (Neu)Heidentum ist für alle da, die sich dafür interessieren – unabhängig von geographischer, ethnischer und kultureller Herkunft. Völkische Konzepte oder Ideen von Heidentum als “ethnischer Religion” sind für mich daher von vornherein indiskutabel. Den Mythos der geheimen ungebrochenen Tradition halte ich für genau das: einen Mythos. Aber wie sieht eine Praxis aus, die über dieses Minimum hinausgeht?

Können (neu)heidnische Kultur und (neu)heidnische Praxis Rassismus aktiv entgegenstehen, sich am Abbau von Rassismus beteiligen, kurz: nicht nur a-rassistisch1, sondern rassismuskritisch sein? Und das vielleicht sogar über das Ausschließen von offensichtlich rassistischen Ideen und Personen und offensichtlicher cultural appropriation hinaus?

Für mich bedeutet dieses Ansinnen zuerst, sehr kritisch mit der Germanenrezeption des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts umzugehen. Ich mag die martialisch-nationalistische Ästhetik ohnehin nicht, und ich bin froh um jede Asatrú-Publikation, die dieser Bildsprache aus dem Weg geht.

Es heißt, den Quellen, die im anglophonen Raum als lore bekannt ist (im Wesentlichen die Eddas), mit kritischem Lesen und Kontextualisierung zu begegnen. Natürlich leistet mein akademischer Hintergrund als Germanistin (samt verpflichtender Mediävistik-Kurse) mir persönlich hier gute Dienste, aber ich kann ihn nicht voraussetzen. Also heißt es, wenn es um die Vermittlung von Asatrú geht, auch immer darauf hinzuweisen, von wem diese literarischen Quellen aufgeschrieben wurden, für wen, in welcher kulturellen Umgebung und vor allem: dass sie nicht die einzigen Quellen sind. Es heißt, sich die Schriftgläubigkeit, die viele aus der christlichen Kultur mitbringen, abzutrainieren.

Es bedeutet, die Vergangenheit nicht zu romantisieren. Als queere femme habe ich wenig Probleme damit: in der romantischen Deutung derjenigen, die zum Germanentümeln neigen, ist nämlich kein Platz für Menschen wie mich. Außerdem gilt: Asatrú ist kein Reenactment. Ich kann in Jeans und T-Shirt blóten, wenn’s sein muss, mit Mate-Limonade und Campingtassen. Mein Asatrú ist Asatrú für das 21. Jahrhundert.

Es bedeutet, esoterischen Quellen mit gesunder Skepsis zu begegnen. Nicht alle sind nutzlos, aber viele tragen zumindest problematische Deutungen und Praktiken unhinterfragt weiter.

Es bedeutet, die eigene Praxis und das eigene Wissen immer wieder kritisch zu beleuchten; bei so gut wie jedem neuen Buch, jeder Band, jedem Kunstprodukt hinzuschauen: Wer macht das? Worauf bezieht er_sie sich, aus welchen Quellen schöpft sie_er? Aus welcher Perspektive, welchem Umfeld kommt das, mit welchen Hintergründen? Diese Art von bullshit detector zu entwickeln, braucht Zeit und Geduld. Aber es ist die Arbeit wert.

Ja, und natürlich ist da diese entschiedene Haltung gegen die politische Rechte. Mit “Toleranz” und “gegen jede Art von Extremismus” sein ist es für mich nicht getan (zumal ich die Extremismus-Doktrin auch, gelinde gesagt, nicht hilfreich finde – siehe: Gute Mitte – böse Ränder?).

Es bedeutet auch, die Verschwörungstheoretiker_innen in unseren eigenen Reihen nicht einfach machen zu lassen. Bei den Überschneidungen zwischen “spirituellen” Kontexten und Verschwörungstheorien (die es immer schon gegeben hat – ich bin in einem gegenkulturell-alternativ-spirituellen Milieu aufgewachsen und habe immer wieder gesehen, dass diese Überschneidungen schon sehr lange, wenn nicht schon immer, da sind) hat das wahrscheinlich zur Folge, sich von vielen Menschen, Institutionen und Zusammenhängen aus diesem Umfeld zu verabschieden. Es ist auch nicht ganz einfach, will eins sich nicht auf eine Praxis zurückziehen, die vollständig von all dem unbequemen mystischen und magischen Zeug gesäubert ist. (Und bei allem kritischen Geist ist das, was man so unter “Mystik und Magie” versteht, halt doch für mich unverzichtbar – ohne das wäre ich nicht dabei.) Ich persönlich bestehe darauf, dass es möglich ist, spiritwork, Magie, seið, Divination etc. zu betreiben und kritisch zu bleiben.

Sich den Menschenrechten verpflichtet zu fühlen, macht es deutlich einfacher. Das tut auch das Bewusstsein für meine Anfälligkeit gegenüber bestimmten Erzählungen und das Zugeben, dass ich vielleicht immer noch Fehler mache und immer noch Überzeugungen oder Gewohnheiten habe, die Rassismus und rassistische Ausbeutung befördern – was mich keinesfalls davon befreit, diesen verborgenen Überzeugungen und Gewohnheiten auf die Spur zu kommen und sie mir nach Möglichkeit abzugewöhnen.

Ich glaube, sich von der Schuld an diesem sozial unakzeptabel gewordenen Ding namens Rassismus freisprechen zu wollen, ist ein deutlich schwächeres Motiv, als am Abbau von Rassismus zu arbeiten, weil einem wirklich was an nicht-weißen Menschen liegt und weil eins ersthaft glaubt, dass eine Welt ohne Rassismus eine bessere ist.

  1. der Begriff stammt von Stefanie von Schburbein, sie kontrastiert ihn mit rassistischem völkischem Heidentum und “ethnizistischem Heidentum”, das zwar nicht offen rassistisch ist, aber dennoch einen essentialistischen Begriff von Kultur und Tradition vertritt; vgl: von Schurbein, Stefanie: Norse Revival: Transformations of Germanic Neopaganism, Leiden / Boston (Brill) 2016, https://brill.com/view/title/31763?language=en, S. 6-7

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