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Kategorie: Essays

Heidnische Praxis V: Ein paar Überlegungen zu Ritualen

Vor ein paar Tagen hatte ich Lust, nach den ganzen eher theoretisch-politischen Beiträgen der letzten Zeit etwas Konkreteres zu schreiben. Butter bei die Fische. Aber ich wußte nicht, was. Deshalb fragte ich auf Twitter und bekam ein paar Fragen: unter anderem die nach Alltagsritualen und danach, ob ich einen Altar habe.

Die Altarfrage ist schnell abgehandelt: In meiner derzeitigen Wohnung ist derart wenig Platz, daß der „Altar“ ein Eckchen auf meiner Fensterbank ist. Ein kleiner Korb mit ein paar Steinchen, Federn und shaker eggs steht dort, ein Räucherstövchen (selten benutzt), eine kleine Katzenfigur, zwei Kerzenhalter. Irgendwie hat sich auch noch meine billige silberne Plastik-Winkekatze dazugesellt. Der Altar ist eher funktionslos derzeit – die Kerzen werden ab und zu mal angezündet, hauptsächlich zur Meditation.

Das mit den Ritualen ist schon schwieriger.

Feministische Spiritualität, Göttinnenspiritualität, Frauenspiritalität: Wo ist sie geblieben?

Dieser Artikel sollte ursprünglich ein Kommentar zu einem Artikel von Anufa im Wurzelwerk werden.

Tenor von Anufas Artikel war, daß die Rubrik Weibercraft im WuWe brachliegt und sie sich fragt, ob einfach kein Interesse mehr besteht, aber gleichzeitig beobachtet, daß es Göttinnenkonferenzen etc. nach wie vor gibt.

Da er ziemlich lang wurde, poste ich ihn hier – das ist mein Senf zu besagtem Artikel aus meiner queerfeministischen/polytheistisch-animistischen Sichtweise:

Ich habe Ende 2012 mal im altgedienten Lesbenarchiv Spinnboden in Berlin recherchiert. Da stellte ich etwas fest: Die meisten Bücher im Bestand waren aus den 80ern. Wenige Anfang der 90er und später erschienen. Manche dieser Bücher blätterte ich durch und hatte den Eindruck: Die sind progressiver als vieles, was heute als „göttinnenspirituell“ vermarktet wird.

Das bestätigte einen Eindruck, den Distelfliege hier einmal wunderbar formuliert hat:

Mein Eindruck ist es, dass die moderne Hexenszene und die naturspirituelle Szene und die Frauenspiri-Szene insofern rückständig sind (und vielleicht auch schon vor Jahren den Anschluss an aktuelle feministische Diskussionen verloren haben), dass kaum irgendwo erkennbar ist, dass sich eine Gruppe mit dieser Frage [nach Inklusion von trans*Personen, thursa] auseinandergesetzt hat. Es ist auch kaum zu verzeichnen, jedenfalls dort wo ich so mich umtue, dass in der Spiri-Frauen-Szene eine ähnliche Bereicherung durch vielfältigste Entwürfe und Politiken von Queer-Seite stattfand wie in der feministischen Ecke.

Ein Eindruck, den ich nach ein paar Jahren in Göttinnenspiri-Kreisen samt einem für mich welterschütternden Konflikt nur teilen konnte. Inzwischen habe ich mich zurückgezogen in ein nicht ganz mainstreamiges Asatrú, und ich habe wunderbare Rituale mit zwei kleinen queeren 1 Ritualkreisen gefeiert.

  1. Wenn ich queer sage, dann meine ich eine Haltung, die von einem grundsätzlichen Konstruktcharakter von Geschlecht und sexueller Orientierung ausgeht und das Ziel verfolgt, die Spielregeln, die dazu führen, daß Geschlecht und sexuelle Orientierung heute so und nicht anders konstruiert werden, zu subvertieren.

Eine Positionierung

Letztes Jahr gab es im Magischen Netz eine Diskussion, veranlaßt dadurch, daß Distelfliege die alte Version ihrer Seite gelöscht hatte. Und im Rahmen dieser Diskussion gab es die Aufforderung, doch mal den eigenen Stand zu Dingen wie Feminismus, queer, Rassismuskritik und Kritik an cultural appropriation aufzuschreiben. Was ich hier mal mache.

Für mich sieht das so aus, daß mir in den letzten Jahren queer_feministische Diskurse viel gegeben haben und ich die Denkweisen, die ich daraus lernte, als ermächtigend und hilfreich erlebe. Und ich will keine queer_feministische Position vertreten, die sich gegen diskriminierte Positionen ausspielen läßt, sondern eine, die anerkennt, daß kein Kampf isoliert stattfindet. Zwar bekomme ich das Thema „Antirassismus“ nahezu ausschließlich vermittelt über feministische Diskurse mit und habe mich noch nicht selbst aktiv damit beschäftigt (wie in: mal wenigstens ein Buch gelesen oder so), aber das kann (soll!) noch kommen. Und auch Betroffenen von noch anderen Machtverhältnissen gegenüber will ich mich taktvoll und solidarisch verhalten. Nicht nur, weil ich selbst von mehr als einem betroffen bin, sondern weil ich glaube, daß das die Welt schöner und ein wirklich gleichberechtigtes Miteinander erst möglich macht.

Tee mit Milch, Teil III: Ein paar bescheidene Wünsche

Welche Wünsche ergeben sich aus den ersten beiden Teilen dieser Serie? Mir fällt da eine Menge ein:

Ich möchte, daß es endlich aufhört, daß eine weiß, männlich und middle-class dominierte schwule Subkultur die Definitionshoheit über die Belange aller ausübt, die irgendwie jenseits der heterosexuellen Matrix unterwegs sind.

Ich möchte, daß die Legende vom „Dritten Geschlecht“ endlich nicht mehr erzählt wird, oder nicht mehr in dieser Weise, die einfach alle Unterschiede zwischen gender variants, Homo- und Bisexuellen und trans* plattbügelt. Sie war als Legitimationsstrategie im 19. Jh. brauchbar. Im 21. Jh. haben queers bessere Erklärungsmodelle.

Ich möchte, daß Lesben, Schwule und Bisexuelle nicht mehr mit trans* in einen Topf geworfen werden, denn wie Raven Kaldera schreibt:

Denn sexuelle Orientierung dreht sich um genau das – wen du sexuell begehrst – und welche Auswirkungen das auf dein Leben und deine Spiritualität hat. Vertu dich nicht: Es hat auswirkungen; Sexualität ist eine der stärksten Kräfte im Universum. „Drittes Geschlecht“ zu sein, ist etwas ganz anderes. Du kannst dem dritten Geschlecht zugehörig sein und Männer, Frauen, andere third gender people, alle von den genannten oder gar niemanden begehren und immer noch third gender sein. Du kannst in einem Vakuum mit überhaupt keinen Menschen in der Existenz eine Person des dritten Geschlechts sein. Es geht darum, wer du bist, nicht was du bist oder mit wem du zusammen sein willst. Beides sollte respektiert werden, aber eins sollte nicht mit dem anderen verwechselt werden, vor allem nicht von Gelehrten, die es eigentlich besser wissen sollten. 1

(Kalderas Gebrauch des Begriffs „Drittes Geschlecht“ mit Bezug auf transgender finde ich hier ein bißchen problematisch, aber er nivelliert sich dadurch, daß in seinem Buch eine Vielzahl von trans*-Identitäten zu Wort kommen.)

Ich möchte, daß endlich auch respektiert wird, daß es für den Zusammenhang zwischen gender-Ausdruck und Begehren keine Zwangsläufigkeiten gibt.

  1. „But sexual preference is just about that – who you desire sexually – and what ramifications that has on your life and spirituality. Make no mistake, it does have ramifications; sexuality is one of the strongest forces in the universe. Being third gender is something else again.You can be third gender and desire men, women, other third gender people, all of the above, or nobody at all, and still be third gender. You can be third gender in vacuum with no other human beings in existence. It’s about who you are, not what you are or who you would be with. Both should be respected, but one should not be confused with the other, especially by scholars who ought to know better.“ – Kaldera, Raven. Hermaphrodeities: The transgender spirituality workbook. Philadelphia Pa.: Xlibris Corp., 2001, S. 9-10

Tee mit Milch, Teil II: Queer ist mehr als einfach LGBT.

In Teil I habe ich was darüber geschrieben, was dazu geführt hat, daß die Rede von männlichen und weiblichen Anteilen für mich unverdaulich und im spirituellen Kontext untauglich geworden ist. In diesem Teil will ich mich damit befassen, welche Auswirkungen das und meine Erfahrungen von Begehren auf mein Verständnis von queer haben.

queer heißt für mich: Das, was jenseits der heterosexuellen Matrix unterwegs ist; das, was ihre Gültigeit in Frage stellt. LGBT gehört dazu – und doch können sich LGBT-Leute auch affirmativ zur heteronormativen Matrix verhalten, meine ich.

Dazu muß ich zuerst den Begriff der heterosexuellen Matrix erläutern.

Tee mit Milch, Teil I: Über Feminität und die Rede von männlichen und weiblichen Anteilen

Ich lese gerade – mit dem Ziel einer Rezension – nochmal ein Buch, dem ich ausgesprochen ambivalent gegenüberstehe, nämlich Christopher Penzcaks Gay Witchcraft. Und dabei bin ich darauf gestoßen, daß ich eins klarkriegen will: Warum ich mich als queer verorte und das für mich nicht deckungsgleich mit „LGBT“ ist und schon gar nicht mit der in der Mainstream-Homo-Szene verbreiteten hegemonialen Position.

Penzcak vertritt die für mich problematische Ansicht, daß Homosexuelle einfach „eine andere Energie“ haben (S. XV), und daß jeder Mensch „männliche und weibliche Energien“ hat (S.4). Ich will jetzt noch nicht das ganze Buch rezensieren, aber das ist ein Punkt, an dem ich mal einhaken und meinen persönlichen Senf dazu loswerden will. Denn für mich persönlich taugt das mit der „männlichen“ und „weiblichen“ Energie einfach nicht (mehr) als Paradigma, und wenn das für manche Menschen taugt, so ist es doch eine Art (von vielen möglichen), die Welt zu interpretieren, aber keine universelle Wahrheit.

Zwischen Gegenüber und Identifikation: Mein Verständnis von Gottheiten

Noch was, worüber ich letztens mit Wurzelfrau Kommentardiskussionen geführt habe und wozu ich einen Text versprochen habe: Meine Beziehung(en) zu Gottheiten und wie mein Polytheismus funktioniert.

Der Witz an meinem Polytheismus ist nicht, daß nur homosexuelle Gottheiten verehre oder mich an den geschlechtlich uneindeutigen Gottheiten festmache – letzteres nun gerade nicht; danach habe ich als cis-Frau keinen so großen Bedarf und es ist mir wichtig, Begehren und gender – auch wenn sie sich gegenseitig beeinflussen mögen – als zwei getrennte Dinge zu betrachten.
Die Menschen, die ich begehrenswert finde, leben eine klar als weiblich lesbare gender performance. Die rigide Zwei-Geschlechter-Ordnung durch etwas Fluides zu ersetzen, ist mir zum einen insofern wichtig, als es Platz für Leute mit nicht-binärem Geschlecht schafft, zum anderen ist das für mich persönlich wichtig, weil die üblichen Männlichkeits- und Weiblichkeitsvorstellungen klar gekoppelt sind mit Heterosexualität und mit Annahmen, was dem jeweiligen Geschlecht im Leben wichtig zu sein hat und welches Verhalten jeweils angemessen ist.

Hier sind ein paar Dinge darüber, wie ich meine Gottheiten und meine Beziehungen zu ihnen sehe:

Gesegnetes Samhain

Für mich ist dieses Fest schwierig zu greifen. Überhaupt habe ich ja keinen so direkten Zugang zu den Festen zwischen den Sonnenfesten.

Waldsee

Die Sonnenfeste fallen mir leicht. Mir ist offensichtlich, was sich da abspielt; zur Sonne und zu Lichtverhältnissen habe ich einen sehr direkten Draht.

Sammelpost: Meine Praxis

Ich führe gerade so eine Diskussion mit Wurzelfrau über Inklusion und kulturelle Hegemonien, und da kam die Bitte auf: „Erzähl doch mal von Deiner Praxis und Deinen Gottheiten.“

Ich habe darauf geantwortet: „Ich habe da schon einiges geschrieben.“ Und, ich muß ergänzen: auch gepodcastet. Und das soll hier gesammelt sein – nicht als abschließende „eine Antwort auf alle Fragen“, sondern als Bestands- und Momentaufnahme.

Was Laufen mit Spiri zu tun hat

Es klingt vielleicht abwegig, wenn ich sage, daß Laufen für mich eine spirituelle Komponente haben kann. Und doch: Laufen ist für mich manchmal eine ganz wunderbare Art, mittem im Alltag ein Stück Naturerfahrung einzubauen.

Ich laufe aus verschiedenen Gründen. Mir tut Bewegung einfach gut, und Laufen hält meine Rückenbeschwerden wirkungsvoll in Schach. Ich mag es, mich fit zu fühlen, und Laufen trägt sehr zu diesem Gefühl von Fitness bei. Und daß Sport für Endorphinausschüttung sorgt, ist ja weithin bekannt. Aber da ist noch mehr.

Ich laufe in den allermeisten Fällen allein.

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